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Dichtung und Wahrheit -
10 Argumente der ECE und warum Stadtpolitiker sie glauben

von str

ECE-Center, Leipziger Bahnhof
ECE-Center, Leipziger Bahnhof. © ton

Deutschland, was wird nur aus Deinen Städten: alles Fassade und nichts mehr dahinter? Wo einst Fachgeschäft an Fachgeschäft in seiner Fachwerkromantik blühte, geht nun der Filialistengeist um, verbündet sich und wird sogleich zur Einkaufsgalerie oder -passage. Wie war das doch noch schön, als unsere Einkaufswelt in jeder Stadt ihre ganz eigenen Namen hatte? Wir noch kein Aldi, kein Saturn, kein Esprit und keinen Hugendubel kannten. Da hieß die Frau, bei der wir unsere Hemden kauften, wie ihr Geschäft und wusste noch, welche Hemdengröße unser Großvater gehabt hatte.

Es war einmal. Denn der Einzelhandel geht bereits seit Jahren zugrunde. Laut „Stern“ vom 14.10.2004 haben rund 4000 Handelsunternehmen 2003 Insolvenz angemeldet und knapp 30.000 bereits aufgegeben. Kaufzurückhaltung gelte bei den Einzelhändlern als das Unwort des Jahres. Den Fachgeschäften, deren Erfolgsgeheimnis einst in Qualität und Beratung lag, mache eine Haltung zu schaffen, die ‚Geiz für geil’ hält.

Und doch prognostiziert ECE vielen deutschen Städten einen Kaufkraftzuwachs. Alles, was sie bräuchten, sei nichts als noch mehr Läden und zwar gleich centerweise. Eine Prognose, die in Städten wie Siegen, Bautzen oder Bayreuth bereits ad absurdum geführt worden ist. Denn dort stehen sie bereits, und zwar ganz Amerika ‚like’, die dreigeschossigen ‚Shoppingmalls á la ECE’, in deren jeder wir die Filialen finden, die wir bereits kennen: Einfalt statt Vielfalt scheint hier gefragt.

Wer ist ECE?

Den Ottoversand kennt jeder. Per Katalog kommt er ins Haus und verspricht dem Konsumenten einen Einkauf frei Haus.

Doch wer kennt ECE, den Nachkömmling des Ottoversands Hamburgs? In deutschen Mittelstädten geradezu in aller Munde?

Seine wirtschaftlich in gigantischer Unternehmerdenkweise geborene Idee: amerikanische Shopping-Verhältnisse auch in Deutschland zu kopieren. ECE, das heißt in seiner lang ausgeschriebenen Form Einkaufs - Center - Entwicklungs - Projektmanagement. Es handelt sich hierbei um ein 1965 von Otto Werner in Hamburg aufgebautes Shopping - Center - Vermarktungsunternehmen.

Heute nennt sich ECE selbst den Marktführer Europas auf dem Gebiet der innerstädtischen Shopping-Center-Realisierung (Jahresumsatz: 8,4 Milliarden). ECE-Projekte wie die Potsdamer Platz Arkaden und der Leipziger Bahnhof seien in ganz Europa bekannt.

Wer sein Geschäft versteht, hat gar schnell mehr als einen Fuss in der Tür…

Das, was ECE zu bieten hat, hat vor allem viel mit wirtschaftlicher Professionalität als Großunternehmer zu tun. ECE weiß mehr als Bescheid, wenn es darum geht, ein professionelles Marketing zu betreiben. Doch was es da betreibt, heißt einzig und allein, wie bleibe ich selbst stark und autark. Was jedoch den deutschen Einzelhandel betrifft: welches Interesse sollte ECE für diesen wohl hegen? Freie Marktwirtschaft hat bekanntlich wenig mit Nächstenliebe, Ehrlichkeit und Wahrheit und viel mit Geschäftssinn und Profit zu tun. Und in letzterem ist ECE wirklich ein Profi ohnegleichen. Es versteht sein großes Geschäft und wer gut aufpasst, kann viel lernen:

1. Die Realität beginnt im Kopf:

Es sind die richtigen Begriffe, die genutzt werden müssen. Und die lauten bei ECE: Ungenutzte Kaufkraftpotentiale, Standortstärkung, Arbeitsplatzbeschaffung.

Welcher Stadtpolitiker möchte sich schon vorwerfen lassen, er tue nicht genug für seinen Standort? Es gäbe in seiner Region und seinem Umfeld noch unabgeschöpfte Märkte und eine ungenutzte Kaufkraft?

Welcher Stadtpolitiker sagt nein, wenn ihm da eine Realität in den Kopf gesetzt wird, in der sich ein reger, ein blühender Handel entwickelt, der seine Stadt über ihre Grenzen hinaus bekannt und einkaufsbegehrt macht und zudem Arbeitsplätze schafft?

Nur eine der vielen Ladenschließungen in deutschen Landen.
Nur eine der vielen Ladenschließungen in deutschen Landen. © kli

Doch, die Kaufkraft der Umgebung, das sind ja nur die Menschen, die schon vorher da waren, die nun gewiss nicht mehr Geld haben werden und deren Kaufkraft also schon immer die gleiche gewesen sein muss. Also war sie gewiss nicht ungenutzt, sondern ging nur jemand anderem als ECE zu. Und das Versprechen von bis zu 1000 neuen Arbeitsplätzen berücksichtigt nicht die Umzüge aus der nahen Umgebung hinein ins ECE und ebenso wenig die Ladenschließungen, die um das ECE-Center herum erfolgen. ECE meint, dass Cityshopping und Centershopping sich gegenseitig befruchten und spricht von 70 Prozent, die Center und City gleichzeitig frequentieren. Auch das Wort „Frequenzschmarotzer“ ist da schon einmal gefallen: Als würden die Geschäfte in Centernähe von den Centerkunden ganz automatisch und ohne jegliche Eigenleistung profitieren! Dabei zeigen Städte mit ECE-Center wie Siegen oder Bautzen, dass der Kunde wohl von diesen 70 Prozent noch nichts weiß. Denn entweder möchte er durch schöne Geschäftsstraßen bummeln, Tourist und Müßiggänger sein, oder er will möglichst bequem und modern, unter Dach und Fach, wo er alle wichtigen Filialen derart praktisch beieinander findet, einkaufen. So sind die Mieter in ECE-Centern zunächst einmal gerade vieler derjenigen Filialisten, die sich bereits zuvor in der Altstadt angesiedelt hatten, nur geht ihre Miete nun nach Hamburg und kommt der Stadt nicht mehr zugute.

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Braucht unser Land solch einen Handel wirklich? Haben die Einzelhändler bisher alle „gepennt“ und müssen nun endlich einmal aufwachen und umdenken?

2. Ein Einstieg durch die Hintertür: Seltsame Allianzen

Viele Stadtpolitiker meinen nun, da ist was dran: ihrer Stadt fehlt es an Attraktivität, an Zugkraft. Und dass Stillstand Rückstand ist, wer kennt sie nicht, diese alte Binsenweisheit. Also liegt eine Allianz mit einem sich modern und fortschrittlich gebenden Unternehmen, mit einem Unternehmen, dessen Schule Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, durchaus nahe. Doch Investoren wie ECE kommen nicht an einen Standort, um deren Gemeinde glücklich zu machen. Sie sehen die bereits entwickelten Strukturen und tun sich an diesen gütlich. Und gerade in einem Gemeinwesen wie einer Kommune sollte es der Gesamtnutzen sein, der vor jedem Eigennutz die eigentliche Rolle spielt. Erst wenn alle Teile profitieren, wird ein Ort zum Gesamterlebnis! Denn: Unser aller Unternehmen ist noch immer unsere Stadt und keineswegs ECE!!!

ECE-Center, Braunschweig.
ECE-Center, Braunschweig. © kli

ECE schließt seine Allianzen jedoch keineswegs mit der Stadt als Gemeinwesen, sondern sehr bewusst mit jeweils ganz bestimmten, einzelnen Politikern, einzelnen Gutachtern und einzelnen Grundstücksinhabern. So führt es Kommunalpolitikern seine Vorzeigecenter vor, in denen alles funktioniert. Es engagiert Gutachter, die für die Städte, in denen ECE-Center geplant sind, Gutachten erstellen. So arbeitet es immer wieder mit GfK-Prisma (der Gesellschaft für Konsum) als Gutachter zusammen. Es kauft einzelne Grundstücke auf, bevor der Vertrag für ein ECE-Center gemacht ist. Es verbündet sich rechtzeitig und ist damit den Betroffenen mit seinen Plänen längst voraus, bevor diese überhaupt beginnen, sich einen Einblick in die ECE-Lage zu verschaffen.

Und das ist erst der Anfang dessen, was ECE an Methoden und an Geschick aufbietet: Lesen Sie weiter ...

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