Politik

Zum Beispiel Hameln: Rettet die Altstadt!

von str

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In Hameln waren die Alternativen zu ECE viel zu schnell vom Tisch. Das meinen heute viele. Seitdem bekannt ist, dass ECE nicht nur in Hameln, sondern ebenso in den nah bei gelegenen Städten Hildesheim, Minden und Hannover ein Center plant, ist auch manch einer der Stadtpolitiker, die in dem Einkaufszentrum vor allem die große Chance und ein Prestigeobjekt gesehen und befürwortet hatten, skeptisch geworden.

Anders die Hamelner Hauseigentümer. Die erkannten nicht nur sofort, was solch eine ECE-Stadtgalerie am Hamelner Pferdemarkt, also mitten im historischen Stadtkern, für die Altstadt und ihre Läden bedeuten würde, sondern Ihrer Erkenntnis folgte alsbald die Tat: Kaum war die Initiative „Rettet die Altstadt“ gegründet, beauftragte sie auf Rat eines herbeigezogenen Juristen das Dortmunder Gutachterbüro „Junker und Kruse“ mit einer Bewertung der von ECE erwirkten GfK-Studie. Die Initiative rief damit zu einem Widerstand auf, der sich auf fundierte Tatsachen anstatt auf Betroffenheiten stützte.

Hamelner Altstadtleben: frische Luft und Fachwerk.
Hamelner Altstadtleben: frische Luft und Fachwerk. © Göttinger Brief

„Junker und Kruse“ bezweifelten dann auch die von dem Institut GfK Prisma bestätigte „Verträglichkeit“ des Centers. Schwachstellen der GfK-Studie seien ein zu groß angesetztes Einzugsgebiet sowie ein zu niedrig angenommener Centerumsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche. Vor allem kritisierte Junker die gängige ECE-Praxis, die Centergröße vorzugeben und deren Verträglichkeit dann in einem zweiten Schritt durch ein Gutachten zu beweisen, anstatt als Erstes zu fragen, welche Centergröße einer Stadt wie Hameln zuträglich sei.

Was die Hameler Bürger nun betrifft, hat eine Umfrage der Dewezet (Deister-Weser-Zeitung) gezeigt, dass die Mehrheit der Bürger keine ECE-Stadtgalerie wollen. Eine Stadtgalerie käme dem schleichenden Tod der wunderschönen Altstadt, die an Flair verlieren würde, gleich. Hameln würde mit Galerie ein negatives Großstadt-Image erhalten. Es solle lieber in bereits vorhandene Altstadtläden investiert werden.

Es ist in Hameln also keinesfalls so, dass die meisten Bürger sich nach amerikanischen Einkaufsverhältnissen und einem zum überfreundlichen Lächeln geschulten Personal, das alles im Auge behält, sehnen.

Ganz im Gegenteil. Das ECE-Personal und seine geschulte Aufmerksamkeit ängstigten manch Hamelner Bürger bereits Ende 2004 und das heißt also, lange Zeit, bevor in Hameln überhaupt ein Center steht. Diese Erfahrung machte Herr L. aus Göttingen, als er Hameln im November 2004 besuchte, einen grauen Mantel und Hut trug und derart gekleidet ein italienisches Bistro betrat, um einen Kaffee zu trinken. Als der Ladenbesitzer und auch andere Hamelner Bürger im Café direkt aggressiv reagierten, erwies sich, dass sie Herrn L. für einen ECE- Angestellten, der den Laden auskundschaften sollte, hielten. Alle schienen überzeugt, dass die Politik, und vor allem der Oberbürgermeister in Hameln von ECE gekauft seien.

Shopping á la ECE: Per Fließband zur Ware.
Shopping á la ECE: Per Fließband zur Ware. © kli

Dass es dem Bürger nicht immer zum Vorteil gereicht, wenn die Angestellten darauf geeicht sind, für Sauberkeit und ein angenehmes Umfeld zu sorgen, diese Erfahrung hatte Frau S. aus Göttingen bereits auf dem Leipziger Bahnhof gemacht. Doch erst, als sie von den Erfahrungen, die Herr L. in Hameln gemacht hatte, hörte, wurde ihr klar, dass sie im August 2002 von einem ECE-Beamten und nicht, wie damals gedacht von einem Bahnbeamten, gemaßregelt worden war. Seit wann wird, wer sich in Ermangelung von Stühlen auf die Bahnhofstreppen setzt und dort ein Brötchen verzehrt wie ein Penner behandelt, hatte sie sich gewundert.

Erfahrene Expansionsmanager der Filialisten sind sich sicher: Bei einer Stadt der Größe Hamelns ist das ECE mit einem Mord an der Stadt gleich zu setzen. Es seien allein Städte in der Größenordnung von Hannover oder Nürnberg, die ein oder zwei ECE Center überstünden. Es kann doch nicht richtig sein, das Geld lieber Milliardäre aus Hamburg verdienen zu lassen als kleine Hamelner Unternehmer. Im Aufruf der Hameler Initiative „Rettet die Altstadt“ heißt es denn auch: „Die Umsätze des bestehenden Einzelhandels sinken um ca. 43 Millionen Euro, dies sind je nach Branche zwischen 30 und 40 %! Sinkende Mieten und Leerstände in der Altstadt werden die historische Bausubstanz verfallen lassen. Der Schaden am Stadtbild wird zu einer Negativspirale führen, die zukünftig Einkaufsbesucher und Touristen abschrecken wird.“

Hameln ist allerdings nur ein Beispiel von vielen Städten ähnlicher Größenordnung, die ECE im Auge hat. Wer seine Altstadt liebt, der sollte sich jedenfalls rechtzeitig überlegen, wie sie zu retten ist. Denn ECE bietet viel, aber keine Alternativen.