Interview mit Hans W. Brockmann: "Glaubt nicht an den starken Magneten!"
von str
Silke Strupat vom „Göttinger Brief“ sprach mit Herrn Hans W. Brockmann von der Hamelner Bürgerinitiative "Rettet die Altstadt!". Hans W. Brockmann ist die zweite Generation in der Modehaus Brockmann GmbH mit dem Stammhaus in Hameln, Sortiment: hochwertige Damenoberbekleidung.
Göttinger Brief: „Herr Brockmann, die Initiative „Rettet die Altstadt!“, zu der Sie gehören, glaubt, dass die ECE-Pläne die Hamelner Altstadt gefährden. Inwiefern, denken Sie, dass das, was das Unternehmen ECE im Augenblick in einigen mitteldeutschen Städten betreibt, durchaus kritisch zu sehen ist?“
![]() |
| "Die Wirklichkeit sieht anders aus." © Hans W. Brockmann |
Herr Brockmann: „Ich sehe das Hauptproblem darin, dass Politik und Kommunal-Verwaltung glauben, ECE sei ein Samariter und Engel, der die Gestaltungs-Probleme der Kommunen löst und zugleich durch wundersame Kaufkraftvermehrung Wohlstand für alle in die Stadt bringt. Die Wirklichkeit sieht anders aus: ECE sucht Standorte zum eigenen Vorteil und setzt eine perfekte Marketing-Maschine in Gang um die Entscheidungsträger von der Unvergleichlichkeit und Verträglichkeit am Standort zu überzeugen. Leider fördern ECE-Ansiedlungen die Handelsmonotonie und entsprechen damit nicht dem wirklichen Ansiedlungsziel neue oder unterrepräsentierte, innovative Sortimente in die Städte zu bringen.
Es geht darum, auf raren einzelhandelstauglichen Flächen Immobilien für höchste Kapitalrendite zu errichten. ECE besitzt ein gewaltiges Know-How hinsichtlich des Managements und der Vermarktung dieser Großflächen ... .“
Göttinger Brief: „Was hier zusammenkommt, sind marktpolitisch also zum einen die Nachfrage der Städte nach mehr Kaufkraftvermehrung und zum anderen das Angebot der ECE, das genau dieser Nachfrage zu entsprechen scheint?“
Herr Brockmann: „Die Kassenlage der meisten Städte und Kommunalhaushalte ist schlecht. Dennoch haben die Politiker der Kommunen entweder einen großen Drang, sich als Visionäre zu profilieren oder es gibt in ihrer Region ein altes Industriegebiet, einen stillgelegten Bahnhof, eine Sackgasse, das heißt, irgendeinen unansehnlichen, brachliegenden Bereich, aus dem sie gerne etwas Schöneres, Attraktives machen wollen. Da sie selbst kein Geld dafür haben, denken sie sich: Da gibt es doch Unternehmen, die das für uns machen. So ‚verhökern’ die Städte aus Profilsucht Flächen und Gebäude, die sie selber nicht verwerten können an die, die das können und zwar zu Lasten derer, die die Städte und ihr historisches Flair über die Jahrhunderte geprägt haben.
Auf diese Weise entstehen in vielen Städten seltsame Allianzen.“
Göttinger Brief: „Wieso halten sie derartige Allianzen für seltsam?“
Herr Brockmann: „Die sind deshalb so seltsam, weil Sie sich nur den Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung ansehen müssen, um zu erkennen, dass wir keinen Kaufkraftzuwachs erwarten dürfen, sondern eher einen Verlust an Kaufkraft haben, weil wir mehr für Gesundheitsvorsorge, Altersvorsorge und ähnliches leisten müssen. Es ist ganz logisch, dass in vielen Städten, insbesondere in Randbereichen, Ladenflächen leer stehen. Was denken sich die regionalen Politiker dann? Sie glauben, mit mehr Einzelhandelsfläche würden sie ihren Standort stärken und sie bauen, obwohl sie schon Leerstände haben, ein neues Shopping-Center. Leerstände mit noch mehr Fläche zu bekämpfen, das ist wie Schulden mit noch mehr Schulden beizukommen oder jemandem mit Alkoholproblemen Alkohol zu geben - wenn Sie so wollen, einen Fleck durch ein Loch zu ersetzen. Es ist eine Logik, die niemals aufgehen kann. Dennoch lassen sich Kommunalpolitiker diese Art der „Wirtschaftsförderung“ nur schwer ausreden.“
Göttinger Brief: „Und wie kommt das?“
![]() |
| Blick auf die Läden eines ECE-Centers. © kli |
Herr Brockmann: „Weil ECE Institute beauftragt, Gutachten zu erstellen, die belegen sollen, wie sich ein ECE-Center auf die jeweilige Anziehungskraft der Städte auswirkt. Die erstellten Verträglichkeitsgutachten überzeugen die Stadtpolitiker. Leider gibt es von den Städten, in denen bereits ECE-Center stehen, kaum wissenschaftliche Studien zu den tatsächlichen Auswirkungen. Die Uni Erlangen ist lobenswert als Ausnahme zu nennen. Sie hat im Erlanger ‚Rotmaincenter’, ein ECE-Projekt, im Parkhaus die Autokennzeichen ausgezählt und auf diese Weise nachgewiesen, dass keineswegs, wie angenommen, Kaufkraftzuwachs aus einer verstärkten Besucherfrequenz aus dem Umland angekommen ist.
Interessant ist auch die Studie von Prof. Monheim, in der der Frequenzabfall in den Fußgängerzonen nach Errichtung des Shopping-Centers dokumentiert ist.
Ich selber nutze zur Verdeutlichung dessen, was passiert, gerne den Vergleich mit einem Magneten. Ein Magnet, um den herum leichte Nadeln und eine schwere Schraube liegen, zieht zuallererst die leichten Nadeln der nächsten Umgebung an. Auf Frequenz projiziert heißt das: Zuerst werden Geschäfte und Menschen der nächsten Umgebung angezogen. Auf diese Weise gibt als erstes die Innenstadt Angebot und Nachfrage ab. Die schwere Schraube, profilierte Unternehmen, überleben kleine Magneten, nicht jedoch große. Ich möchte den Kommunalpolitikern verständlich machen, dass sie mit starken Magneten zwar Strahlkraft erzeugen, aber zugleich die gewachsene Innenstadt zerstören.
Es ist zwar notwendig dem Zug zur „grünen Wiese“ entgegen zu wirken, speziell dadurch, dass sich großflächige Geschäfte stadtnah ansiedeln können. Doch es ist gefährlich, ein ECE-Center als Magneten zu sehen, der nur Kunden anzieht, ohne in Rechnung zu stellen, dass durch diese Marktform zugleich die Läden, die die Innenstadt prägen, von diesem Magneten aufgesaugt werden."
Göttinger Brief: „Vielen Dank für das Gespräch.“

