Wirtschaft

Glosse: Die Bahn macht's möglich

von str

Die Deutsche Bahn - ein Stand-In.
Die Deutsche Bahn - ein Stand-In. © kli

Die Menschheit ist wahrlich weit fortgeschritten. Gestern lümmelte sie sich noch gemütlich bei Chips und Bier vorm Fernseher und gaffte stundenlang unbeweglich auf die matte, vorsintflutliche Scheibe. Sonnte sich auf dem Traumschiff neben Sascha Superstar und wurde braun im Leben aus zweiter Hand. Heute muss sie sich bereits unbedingt selbst ins pralle Leben der Erlebnisparks stürzen. „Life is life“, schreit heute bereits das Kleinkind von morgen und jettet geradewegs von Disneyland ins Paradies Eden. Mag sein, es ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber Schluss muss nun endlich sein mit diesen modernen Zeiten. Die bringen sich nämlich ständig selbst aus dem eigenen Rennen. Es muss nun einmal endlich gesagt werden. Ein Schweizer hat schneller den Olymp erstiegen als ein ICE den Brocken.

Da ruft mich also gestern mein Chef an. Ich hatte schon lange Feierabend, aber leider mein Handy, diese allgegenwärtige Zeitbombe, eingeschaltet. Ich solle doch nur noch schnell ein Glas Oliven bei der Feier unserer Gesellschafter in Leipzig vorbeibringen. Das stelle man sich einmal vor, früher haben Sekretärinnen noch Kaffee kochen müssen. Heute müssen sie eben mal schnell ein Glas Oliven von Dresden nach Leipzig schaffen. Wahrlich weit sind wir Frauen da gekommen mit unserer Emanzipation. Aber die Bahn macht’s möglich. Die heutige Frau hält auf Mobilität und nicht mehr auf Hauswirtschaft.

Nun gut. Ich also wieder raus aus Leggings und T-Shirt und rein in mein neues Reisekostüm, knitterfrei und ganz auf meinen Wintertyp abgestimmt. Frau weiß schnell und sicher in jeder Situation ihren Mann zu stehen. Privat und im Geschäftsleben. Heute hier und morgen da. Immer wie aus dem Marketingjournal gepellt. Auf dem Weg zur Straßenbahn kurz zu Aldi rein und die Oliven möglichst preisgünstig gekauft. Mist, eine Riesenschlange. „Hier wird nicht vorgedrängelt, denkst wohl du bist was Feineres als wir, was?“ Wenn ich erst die übernächste Straßenbahn erwische, bekomme ich den ICE nicht mehr und muss den InterRegio nehmen. Wenn ich mit dem InterRegio fahre, sind die Herren Gesellschafter bestimmt schon lange am Cocktailtrinken, wenn ich mit meinen Oliven auftauche. Du liebe Bahn, ich kann es auch nicht ändern.

Ich nehme den InterRegio. Doch der hat mitten auf der Strecke eine Panne. Da steht er also eine gute halbe Stunde nur so dumm, den anderen Zügen im Wege herum. Die Bahn weiß eben, wo’s lang geht: Immer die eingefahrenen Gleise entlang. Sie ist es, die unserer Zukunft ein Zuhause mit bestem Bordservice gibt. Die Leute um mich herum werden dennoch immer unruhiger, Hinz macht sich mit Kunz bekannt und tauscht das Handy aus. Man duzt sich schon, ist dadurch jedoch auch nicht schlauer. Der Zug steht und steht und niemand weiß, wie es weiter geht. Endlich die erste Durchsage: „Die Weiterfahrt wird sich um wenige Minuten verzögern.“ Nach einer weiteren Viertelstunde die nächste Durchsage: „Wir versuchen weiterzufahren.“ Der Zug fährt, schnarrend wie ein alter Kater, einige Kilometer. Dann steht er wieder. Mitten im Tunnel. Nach einer weiteren halben Stunde erneut eine Durchsage: „Wir stehen wieder.“

Die Leute werden immer lauter. Immer wieder höre ich die Worte Anschlusszug und wichtige Konferenz. Mir wird heiß in meinem grellrotem Kostüm. Komme mir vor wie eine ausrangierte Diva, die man unbemerkt aufs Abstellgleis gestellt hat. Da ruckt der Zug kurz. Ich sehe, wie das Olivenglas von der Ablage rollt und sich auf den Weg den Gang entlang macht. Das auch noch, denke ich. Der Deckel, weiß die neue Verschlusstechnik wie, hat sich von allein abgeschraubt, und da pinkelt das Glas nun in den Gang und ein paar Oliven verselbständigen sich und gehen ihrer eigenen Wege. Die verbliebenen weiß ich mir zurückzuholen. Sie werden wohl reichen.

Auf modernen Gleisen in die Zukunft ...
Auf modernen Gleisen in die Zukunft ... . © kli

Eine weitere Durchsage informiert uns darüber, dass wir auf offener Strecke in den nachfolgenden Zug nach Leipzig umsteigen sollen. Eine Regionalbahn, auf die wir weitere zwei Stunden warten. Die Umsteigeaktion mitten über die Gleisaufschüttungen hinweg vollzieht sich nicht ohne Verletzte. Die gereizten Fahrgäste stürzen wie die Wilden über einander hinweg. Schreie hallen durch die Nacht. Eine Frau liegt mit verschraubten Beinen vor der Zugtür des so zahm wirkenden Regionalexpresses, jammert und hält alles eine weitere Stunde auf. Endlich vom Bahnpersonal in den Zug gehievt, kann es weitergehen.

Aber auch dieser Zug befördert uns nur einige Kilometer weit und gibt dann seinen hochtechnisierten Geist auf. Wir warten wieder. Dieses Mal auf Busse. Endlich in diesen angelangt, müssen wir alsbald begreifen, dass die Bahn den Fahrern falsche Auskunft darüber gegeben hat, wo wir hin sollen. Sie fahren uns zurück nach Dresden. Bis ich das begriffen habe und unserem Busfahrer verklickert habe, sind wir fast schon wieder in Dresden angekommen. Mund zu Mund-Kommunikation ist fast unmöglich geworden im Zeitalter der Neuen Medien. Dass wir dann auch noch in einen Stau geraten und uns in Leipzig selbst auch noch verfahren und uns ewig im Kreis drehen, ist schon nicht mehr der Rede wert.

Beim Aussteigen aus dem Bus werde ich angerempelt und auch die noch im Glas verbliebenen Oliven suchen das Weite. Am frühen, nicht mehr ganz taufrischen Morgen stehe ich dann endlich mit meinem leeren Glas vor den ziemlich volltrunkenen Gesellschaftern. Draußen scheppert die Müllabfuhr mit dem Abfall Leipzigs. Alles Plastik statt Jute. Die neuesten Elektrochips zwischen nostalgischen Konservendosen. Die Gesellschafter johlen wie Gorillas, denen man im Urwald eine Schaufensterpuppe vorlegt. An mir in meinem roten Kostüm, nun doch nicht knitterfrei, wie ich da so als Nachtgespenst stehe, haben sie einen rechten Zusatzspaß. Im Hintergrund amüsieren sich die verschiedenen Bildschirmschoner mit sich allein. Der eine geht auf Raumfahrt. Der nächste fiebert im Fussballwahn. Die drei hintersten streiten sich um die neuen Helden: der Gladiator, die Merkel oder Harry Potter? Mit diesen modernen Zeiten muss nun endlich einmal Schluss sein. Lieber koche ich meinem Chef einen ordentlich starken Kaffee als mit Mobilfunk und Laptop dort zu landen, wo sich die einsamen Satellitenschüsseln gute Nacht sagen.