Bio für Alle oder Bio ist schick!
von lem
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| Mittlerweile bieten fast alle großen Handelsketten, hier Rewe mit der Eigenmarke Füllhorn, ein umfangreiches und stetig wachsendes Bio-Sortiment an. © lem |
Jeder hat noch das Klischee vor Augen: Der Konsument im Naturkostladen hat für gewöhnlich einen mit Kartoffeldruck individualisierten Leinenbeutel als Einkaufstasche in der Hand und trägt Birkenstock mit Wollsocken an den Füßen.
Wer in den Achtzigern seine Grünkern-Bratlinge oder Dinkelschnitten im Bioladen kaufte, dem wurde beim Einkauf gleich eine ordentliche Portion Gesinnung mit in den Leinenbeutel gepackt: Körner kauen für die Weltverbesserung - ökologisch korrekt als Antithese zum Konsumterror.
Aber die Welt hat sich weitergedreht: Eine neue Generation von Biounternehmern hat der Branche ein zeitgemäßes Image verpasst. Bioprodukte zu konsumieren ist schick geworden.
Ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein und die Monotonie in den Regalen der herkömmlichen Märkte leisten dieser Bewegung weiteren Vorschub.
Wer es sich leisten kann, greift zu hochwertigen Bio-Produkten.
Dabei sind es nicht nur die Lebensmittelskandale um BSE, Nitrofen und Dioxin, die immer mehr Kunden zu Bio-Lebensmitteln überlaufen lassen.
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| Die kleinen Preise von Plus, Vorreiter von Bioprodukten beim Discounter. © lem |
In erster Linie stehen auch der Wunsch nach Qualität und die Authentizität des Geschmacks im Vordergrund. In der Preisschlacht der Discounter bleiben die offenbar zunehmend auf der Strecke.
Bio-Produkte sind längst keine Nischen-Produkte mehr und bieten den Verbrauchern neben dem ökologischen Mehrwert, die Vielfalt, die auch den konventionellen Markt prägt: Convenience, Genuss und Frische sind auch bei Bio kaufentscheidend, egal, ob bei Premium-Feinkost, Tiefkühlkost oder praktischen Snacks.
Askese ist dabei ebenfalls völlig out: Neben Äpfeln aus der Region, gibt es Weintrauben aus Südafrika, Bio-Wein aus Bordeaux, Olivenöl aus Italien und Sesamstraßen-Kekse für die Kleinen. Früher absolut verpönt, finden sich heute im Kühlregal sogar Tiefkühlpizza und fertige Spaghettisaucen. Bio hat den Schritt aus der Umweltecke heraus geschafft: Die Positionierung auf Geschmack, Gesundheit und Genuss erschließt neue Zielgruppen und sorgt für Zuwachsraten.
Aus dem urbanen Pflaster der Großstädte sprießen Bio-Supermärkte wie Pilze aus dem Boden. Besonders Groß- und Universitätsstädte sind für die Unternehmen interessant. In den vergangenen Jahren wurden mehr als 250 Bioläden mit jeweils über 250 Quadratmeter Verkaufsfläche realisiert. Die Biosupermärkte heißen Basic, Erdkorn, Alnatura oder Supernatural und machen ihren Namen zum Programm.
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| Verbrauchernah im Supermarkt-Bioprodukte. © lem |
Sie bieten ein großes Bio-Alltagssortiment zu Preisen an, die man eher im normalen Supermarkt als im Bioladen um die Ecke vermutet. Dabei werden in erster Linie beispielsweise Eckartikel wie beispielsweise Milch, Eier und Kartoffeln ausgewählt, die dann in den Preiswettbewerb mit normalen Supermärkten treten.
Von dem rasanten Wachstum der Biosupermärkte profitieren aber auch alle anderen Vertriebsschienen des Bio-Lebensmittelhandels. Denn die Aktivitäten der Supermärkte verstärken das Bewusstsein für Bio-Produkte bei den Verbrauchern.
Eine bedeutende Rolle spielen dabei die Bio-Läden um die Ecke. Neben den Newcomern der Bio-Branche werden hier in unternehmergeführten Geschäften, Biowaren aus der Region verkauft. Denn die Statistik zeigt, dass der Großteil der biologisch erzeugten Produkte über die Ladentheke des Bioladens um die Ecke verkauft wird: 31 % aller Bio-Produkte gehen im Naturkostfachhandel über die Theke, 29 % im Lebensmitteleinzelhandel, 16 % bei Direktvermarktern, 7 % in Reformhäusern, ebenfalls 7 % in Bäckereien/Metzgereien und 10 % in sonstigen Einkaufsstätten wie Drogeriemärkten.
Solche Geschäfte, die mit Leib und Seele geführt werden, sind in Göttingen beispielsweise Dolce Bio im Hainholzweg und Boyer in der Burgstraße.
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| Angesichts regelmäßiger Lebensmittel-Skandale sind Bioprodukte sicher ein Markt mit Zukunft. © lem |
Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland mit ökologisch hergestellten Lebensmitteln knapp 3,4 Milliarden Euro Umsatz gemacht - ein Plus von mehr als zehn Prozent. Bei den Biosupermärkten war der Umsatz prozentual gesehen, sogar doppelt so hoch.
Und alles weist darauf hin, dass der Anteil weiter kräftig steigen wird. Nach einer Umfrage des Emnid-Instituts kaufen 60 Prozent der Bundesbürger zumindest gelegentlich Bio-Produkte ein.
Die Bereitschaft der Verbraucher, für gesunde Kost mehr Geld auszugeben, hat aber längst auch der klassische Handel erkannt.
Vorreiter der Bewegung, Bio-Artikel im Supermarkt anzubieten, war Anfang der achtziger Jahre das Handelsunternehmen tegut aus Fulda. Der Weg der Bioprodukte in den konventionellen Supermarkt erwies sich am Anfang als schwierig. Ideologische Hemmschwellen, logistische Probleme und fehlende Kennzeichnung erschwerten den Einzug der alternativen Produkte in die konventionellen Regale. Aber mit rund 1800 Bioartikeln heute und einem Bio-Anteil am Umsatz von rund zehn Prozent führt tegut das Bio-Segment im konventionellen Handel mittlerweile unangefochten an. Der Weg hat scheint sich gelohnt zu haben.
Auch andere Handelsketten setzen, wenn auch noch zaghaft, auf Biolebensmittel.
Mit massivem Werbeaufwand lancierte der Markendiscounter Plus seine Biomarkenrange „BioBio“ und verdoppelte mittlerweile wegen anhaltendem Erfolg die Produktpalette auf 60 Artikel im Warenregal.
Der Konkurrent Rewe bietet unter der Marke Füllhorn in 3000 Geschäften bis zu 400 Bioartikel an, die Handelskette Edeka führt die Eigenmarke Bio Wertkost im Sortiment und selbst bei Aldi gehören Freiland-Eier und Bio-Käse zum Sortiment.
In einem Gesamtsortiment von bis zu 20.000 Artikeln muss man die Bio-Produkte bei den Branchenriesen aber noch suchen.
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| Das staatliche Bio-Siegel garantiert: Wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin? © lem |
Der Markt für Bio-Lebensmittel wächst jedoch seit Jahren. Während der Lebensmittelumsatz in Deutschland stagniert, boomt der Bio-Bereich. Das kann man nicht nur an den steigenden Umsätzen im Handel ablesen, sondern auch an der Zahl der Lebensmittel, die das staatliche Bio-Siegel tragen. Vier Jahre nach dem Start des Siegels ist es auf 29.466 Produkten zu finden. Auch die Zahl der Unternehmen, die das Bio-Siegel nutzen, steigt noch immer - es sind jetzt 1.410. Das Bio-Siegel ist zum Erkennungszeichen für Bio-Produkte geworden.
Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete die Bundesregierung mit dem vor vier Jahren eingeführten ersten verbindlichen "Bio-Siegel" für Produkte, die nach den Vorschriften der EU-Öko-Verordnung hergestellt, verarbeitet und kontrolliert werden.
Jeden Tag kommen laut Informationen des Bundes "Ökologische Lebensmittelwirtschaft" ein neuer Zeichennutzer und 20 neue Produkte hinzu.
Dieses Wachstumstempo stellt die Öko-Landwirtschaft vor eine große Herausforderung- ein Strukturwandel steht bevor.
Der Trend geht dahin, dass immer weniger Betriebe immer größere Flächen bearbeiten. Das bereitet nicht nur vielen Ökoverbänden Kopfzerbrechen, dass kostet auch vielen Landwirten den Kopf: In Bayern (einem der größten Erzeuger für Bio-Lebensmittel in Deutschland) geben pro Jahr rund fünf Prozent der Öko-Betriebe aufgrund dieser Entwicklung ihren Öko-Anbaubetrieb auf.
Verschärft wird das Problem zudem auch noch dadurch, dass sich immer weniger Betriebe bereit erklären auf biologischen Anbau umzustellen. Mit dem wachsenden Markt für Bio-Lebensmittel sinken die Preise der Lebensmittel und damit auch die Renditen für die Erzeuger.
Da scheint sich ein Teufelskreis aufzutun: Wenn die hiesige Nachfrage nicht befriedigt werden kann, wird auf Importe aus dem Ausland zurückgegriffen.
Angesichts dieser Entwicklung gilt es die heimische Erzeugung biologischer Lebensmittel weiterzuentwickeln. Deutschland braucht wettbewerbsfähige Bauern und kritische, aufgeklärte Verbraucher.
Wo Bio drauf steht ist auch Bio drin oder?
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| Bio-Produkte ohne "Apothekerpreise" - im Supermarkt. © lem |
Immer mehr Konsumenten greifen zu Bio-Produkten. Doch wer sich gesund und ausgewogen ernähren möchte, hat es oft schwer, sich im Labyrinth der Bio-Kennzeichnungen zurechtzufinden. „Bio“, „Öko“, „biologisch-dynamischer Anbau“ Bezeichnungen gibt es viele und Öko-Siegel auch. Aber ist wirklich Bio drin, wo Bio draufsteht?
Wer auf Nummer Sicher gehen will, hält nach dem staatlichen, sechseckigen, grünen Bio-Siegel Ausschau. Dieses Logo kennzeichnet Produkte, die aus garantiert kontrolliert ökologischem Landbau stammen und den Bestimmungen der EU-Öko-Verordnung entsprechen. Vorgeschrieben sind nach dieser Verordnung unter anderem artgerechte Tierhaltung, Verzicht auf gentechnisch veränderte Organismen und ein überwiegender Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz.
„Bio nach EU-Öko-Verordnung“ bedeutet aber auch einen Kompromiss, auf den sich die EU-Mitgliedstaaten einigen konnten. Das Regelwerk ist dementsprechend locker: So kann z.B. auf einem Bio-Siegel-Hof gleichzeitig ökologisch und konventionell gewirtschaftet werden. Ein Bauer, der Produkte nach dem nationalen Bio-Siegel herstellt, könnte beispielsweise. neben Bio-Kühen auch Hühner auf konventionelle Art halten. Käfighaltung, Intensivfutter, Antibiotika- alles kein Problem. Den dabei entstehenden Hühner-Mist verwendet der Bauer gleich weiter und düngt damit seine Felder, auf denen das Futter für seine Bio-Kühe wächst, deren Fleisch und Milch er dann als Bio-Ware verkauft.
Wegen der Verwechselungs- und Vermischungsgefahr lassen die deutschen Öko-Anbauverbände eine nur auf Teilumstellung basierende ökologische Landwirtschaft nicht zu.
Insgesamt acht solcher Anbauverbände, die die Regeln der EU-Öko-Verordnung für nicht ausreichend halten und sich selbst strengere Regeln für die Erzeugung und Verarbeitung ihrer Lebensmittel gegeben haben, gibt es in Deutschland.
Bioland ist der größte Anbauverband in Deutschland. Das Besondere: Für Bioland arbeiten fast ausschließlich deutsche Landwirte, insgesamt 4500 Betriebe.
Naturland und Demeter die beiden anderen großen Verbände arbeiten weltweit. D.h. sie bringen auch Produkte in die Läden, die nicht aus Deutschland stammen wie Kaffee, Tee und exotische Früchte. Das bedeutet gleichzeitig aber auch, dass die Produkte über Tausende von Kilometern bis zum deutschen Verbraucher gebracht werden. Die kleineren Verbände wie beispielsweise Bioland, Gäa und Naturland arbeiten überwiegend regional.
Bio ist überall drin- in Produkten, die das staatliche Bio-Siegel tragen genauso wie in den Produkten der Öko-Anbauverbände. Der Unterschied wird erst im Kleingedruckten ersichtlich.
Die EG-Öko-Verordnung ist der kleinste gemeinsame Nenner des ökologischen Landbaus in der EU und lässt viele fragliche Spielräume offen. Die Richtlinien der ökologischen Anbauverbände gehen in vielen Punkten deutlich über diese Regelungen hinaus
Also Augen auf beim Biokauf!





