Gebäck auf Brotmarken
Seit 1876 in Göttingen - Café Cron & Lanz macht und erlebt Stadtgeschichte
von str
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| Cron & Lanz: noch immer eine Institution in Göttingen. © Cron & Lanz |
„Wir bitten zu berücksichtigen, dass die Existenz unserer alten Firma auf dem Spiele steht.“ Elfriede Grummes schrieb am 16. Juni 1945 einen Brief an den damaligen Oberbürgermeister Göttingens. Für die Wiederaufnahme des seit Kriegsende ruhig gestellten Café- und Konditoreibetriebes Cron & Lanz benötigten sie und Marie Grummes die Genehmigung der britischen Besatzungsbehörde. Die beiden Frauen kümmerten sich bereits seit 1940, seit die eigentlichen Inhaber, Hans und Willy Grummes eingezogen worden waren, ganz allein um das Geschäft. Keine leichte Aufgabe in Zeiten der Lebensmittelrationierung. Bereits im Jahr 1941 mussten sie ein Stück Krem-Torte für Brotmarken im Wert von 30 Gramm verkaufen. Für einen ganzen Hefezopf zahlte der Kunde Brotmarken im Wert von sage und schreibe 350 Gramm.
Dem Antrag der Frauen wurde entsprochen und zur Stammkundschaft zählten bald außer den Studenten und Professoren der Göttinger Universität auch die britischen Besatzer. Sogar ihr Tee- und Käsegebäck ließen die Briten sich von der Konditorei liefern. Die 1876 gegründete Firma Cron & Lanz entsprang einem Doppelgeschäft des patenten Konditormeisters Ernst Menz. In den 1820ern betrieb dieser links des Geschäftseinganges eine Wein- und Likörhandlung, rechts des Geschäftseinganges eine Konditorei. In seinem Hinterstübchen in 1-A-Innenstadtlage gab es somit zum erlesenen Gebäck einen guten und edlen Schluck. Seit 1871 widmete sich Menz selbst ganz dem Weinhandel und der Likörherstellung. Die Konditorei hatte er seinem Gehilfen, dem 25-jährigen Heinrich Cron übergeben. Dieser holte sich sogleich seinen entfernten Vetter Leonhard Lanz, der als Konditor in Sankt Petersburg und Mannheim gearbeitet hatte, zunächst als Gehilfen und ab 1872 dann auch als Schwager und somit Familienangehörigen ins Geschäft.
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| Confiserie Lanz, um 1870. © Cron & Lanz |
Einen besseren Zeitpunkt als gerade die Gründerjahre hätte sich das Familienunternehmen für seine Gründung wohl kaum wünschen können. Die Einwohnerzahl Göttingens wuchs und wuchs an, viele öffentliche Einrichtungen wie das Gymnasium, die Mittelschule, das neue Theater und die Töchterschule entstanden. Im auf diese Weise florierenden Umfeld wurde das neu eröffnete Café und Restaurant mit seinem damaligen Damenzimmer und der bis heute so begehrten Aussicht auf Göttingens Flaniermeile, die Weender Straße, schnell zu einer „Institution, die mindestens so wichtig ist wie die Universität“. Das weiß nicht erst der Professor Christian Graf von Krockow (1927-2002) zu schätzen, von dem das Zitat stammt. Die Universität wusste schon 1871, anlässlich ihres 150-jährigen Bestehens, keinen besseren Ort als den großen Saal des Hauses Cron & Lanz, um ihre Gäste zum Bankett zu laden.
Die 1-A-Lage, die lange Tradition, die vom Markenzeichen der Firma, dem Baumkuchen, über die immer wieder mit Preisen ausgezeichnete Bedienung bis zu den technischen sowie gestalterischen Modernisierungen führt: solch Erbe verpflichtet. Das weiß auch Andreas Grummes, heutiger Geschäftsführer der offenen Handelsgesellschaft Cron & Lanz. Als Sohn von Willy Grummes, dessen Vater Adolf Grummes 1904 die Firma von Heinrich Cron und Leonhard Lanz als deren langjähriger Gehilfe übernommen hatte, kennt er sich nicht nur im Heute der Göttinger Innenstadt aus. Wie seinen Vorgängern liegt es ihm nicht, sich auf den Lorbeeren der Väter auszuruhen. Cron & Lanz steht für eine Tradition, die mit der Zeit geht, die bereits im Heute das Morgen mitbedenkt.
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| Das Grüne Zimmer des Filmarchitekten Walter Haag, 1961. © Cron & Lanz |
Als Göttingen in den fünfziger Jahren Filmstadt war, war es der Filmarchitekt Walter Haag, 1959 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet, der die Innenräumlichkeiten umgestaltete und das ‚Grüne Zimmer’ im damals angesagten Russischgrün schuf. Andreas Grummes selbst sorgte unter anderem 1986 für eine der modernsten Backstuben und 1996 für das dem Konsumverhalten der 90er angepasste Bistro „Crönchen“, gleich hinter dem Verkaufsraum.
„Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich eine Rolle nehme und die Wand einfach überstreiche oder eine Fassade gestalte. Wir müssen nicht nur jammern. Wir müssen auch deutlich machen, dass wir mitgestalten, mitreden und mitwirken wollen.“ Und damit meint Andreas Grummes, dass ein Geschäft, das über Generationen mit einer Stadt verwachsen ist, auch stadtpolitisch und vor allem hinsichtlich eines intakten Innenstadtlebens eine hohe Verantwortung trägt. Was heißt, dass es sich nicht allein für den kurzfristigen, den aktuellen Erfolg, sondern ebenso für die kommenden Zeiten einsetzen sollte.
Für ihn ist es der Dreiklang des Hauses Cron & Lanz, das Zusammenspiel der hohen Qualität der Erzeugnisse mit einer stilvoll-zeitgemäßen Caféatmosphäre und einem exzellenten Service, das dafür sorgt, dass Cron & Lanz noch immer als ein Aushängeschild für Göttingen zu gelten vermag.
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| Das 1996 eingerichtete Bistro ,Crönchen'. © Cron & Lanz |
Heute hat Cron & Lanz 60 Mitarbeiter, 250 Sitzplätze und bietet 20 verschiedene Torten, 70 Sorten Pralinen, 10 Arten Konfitüren, Baumkuchen in den verschiedensten Variationen, 15 Sorten Tee- und Käsegebäck sowie Suppen, Salate, Toasts und Quiches an. 70 Prozent der Waren werden außer Haus verkauft.
Wieder einmal herrscht eine Wirtschaftskrise in Deutschland. Erneut sind Zeiten angebrochen, in denen die Existenz vieler alter Firmen auf dem Spiele steht. Die Tochter von Grummes, Ulrike Grummes, selbst Konditormeisterin und ebenfalls Gesellschafterin des Geschäfts, ist nun bereits die vierte Generation, die den Betrieb fortführen wird.
Was wären unsere deutschen Innenstädte ohne alteingesessene Familienunternehmen wie Cron & Lanz? In einem Café zu sitzen und sich vorzustellen, hier haben einst viele Göttinger Nobelpreisträger, hier haben Schriftsteller wie Edith Stein und Peter Bamm ihren Kaffee getrunken und eine der auch heute noch nach altbewährtem Rezept erzeugten Torten genossen, wo ist das außer in Göttingen noch möglich?



