„Ermitteln verboten“: Journalist auf Bestsellerkurs

Jürgen Roth: ein Journalist mit Namen, spezialisiert auf die Organisierte Kriminalität, schreibt Schlagzeilen

von str

Laufen die Verbrecher frei herum oder sitzen sie hier im Gefängnis?
Laufen die Verbrecher frei herum oder sitzen sie hier im Gefängnis? © kli

Schlag auf Schlag, Satz auf Satz folgt eine Schlagzeile der anderen. „Ermitteln verboten“ von Jürgen Roth ist ein Buch, in dem der Erfolgsjournalist nicht nur viel über die engen Verflechtungen von Politik und Organisierter Kriminalität offenbart. Es erweist sich zudem schnell als das Buch eines Mannes, der sein Journalistenhandwerk versteht, sowohl, was die Recherche vor Ort als auch, was die Sprache betrifft.

Was der für seinen investigativen, d.h. aufdeckenden Journalismus seit Jahrzehnten bekannte Jürgen Roth uns da alles über frei und unbehelligt herumlaufende Auftragskiller, über dubiose russische Investoren, über die gewalttätigen Motorradrocker Hell’s Angels und ihre Bordelle, über erpressbare Politiker und ihre eigenartigen Beziehungen zu Kriminellen, über all die Räuber, unter die Deutschland gefallen ist, auftischt, das kratzt nicht nur an den Fundamenten unseres Rechtsstaates. Es rüttelt kräftig an ihnen und damit manch schlafenden Treuredlichen ordentlich wach.

Das ist es jedenfalls, worauf der Ton des Buches, manchmal die deutschen rechtsstaatlichen Unverhältnisse geradezu glossierend, es abgesehen zu haben scheint: Aber auch jedem und jeder auch noch die letzte Illusion von Bürgersicherheit auszutreiben.

Roths Erkenntnisse gehen auf den Winter des Jahres 2003/2004 zurück. Denn diesen Winter verbrachte Roth alles andere als besinnlich. Statt sich ins Warme und zu den Büchern zu verkriechen, reiste er durch ganz Deutschland und führte unzählige Interviews mit Polizei- und Zollbeamten sowie mit Staats- und Rechtsanwälten. Müssen die meisten Namen auch anonym bleiben, so gibt es auf jeder Seite hinreichend Hinweise, dass es die Fachleute, die Kriminalisten und beruflich versierten Verbrechensbekämpfer höchst persönlich sind, die meinen, dass der Staat es längst aufgegeben habe gegen die organisierte Kriminalität anzugehen. Es sind also die, die wissen müssen, wovon sie sprechen, die Roth unter vier Augen anvertraut haben, dass die Verfahren im Bereich organisierter Kriminalität von den Politikern lieber eingestellt als aufgeklärt gesehen werden. Dass wir uns in Deutschland vom „Legalitätsprinzip zugunsten des Kapazitätsprinzips verabschiedet hätten“. Dass die Strafverfolgung zunehmend politisiert werde und die Gewaltenteilung schon lange nicht mehr gewährleistet sei.

Die Polizei auf heißer Spur? Roth sprach mit ihr.
Die Polizei auf heißer Spur? Roth sprach mit ihr. © kli

Dem allen ist Jürgen Roth jedoch nicht zum ersten Mal nachgegangen. Es ist nicht das erste Buch, das er zur organisierten Kriminalität auf den Markt gebracht hat. Es sind nicht die ersten Ermittlungen, die er angestellt hat, nicht die ersten Interviews, die er mit denen, die sich in der Verbrecherszene auskennen, mit Insidern geführt hat. Er hat gelernt, sich nicht auf Quellen wie sie die Nachrichtendienste bieten, zu verlassen, sich statt dessen seine eigenen Informationsnetze zu schaffen. Mit einem seiner letzten Bücher, „Netzwerke des Terrors“ betitelt, reagierte Roth auf die Ereignisse des 11. Septembers. Ihm ging es damals darum, die ihm fehlende Diskussion zu den Hintergründen des Terrorismus in Gang zu setzen, indem er auf die bestehenden Verbindungen zwischen Terrorismus und Organisierter Kriminalität fokussierte.

Eine Frage, die Roth bewegte und noch immer bewegt, sollte uns, ob wir seinen Ausführungen zu den kriminellen Korruptionen in Deutschland nun in allen Einzelfällen folgen oder nicht, gewiss alle bewegen: Wer legt eigentlich fest, wer als Schurkenstaat zu gelten hat? Ist es nicht die USA, die mit derartigen, die Emotionen schürenden Bezeichnungen mehr ihre eigenen Interessen als reale Verletzungen fundamentaler Menschenrechte durch einzelne „Schurken“ - Staaten verfolgt?

Jürgen Roth: Ermitteln verboten. Warum die Polizei den Kampf gegen die Kriminalität aufgegeben hat. Eichborn Verlag. Frankfurt/Main, 2004. ISBN 3821855886. 19.90 €.