Gesellschaft

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Glosse:
Im Land der Kulturbanausen der Esskultur

von str

Am liebsten aus dem Tiefkühlfach.
Am liebsten aus dem Tiefkühlfach. © kli

Und überhaupt. Was die Deutschen mit Genuss verbinden, wenn sie ans Essen denken, das kommt jedenfalls alles andere als frisch daher, sondern steckt in manch umweltunfreundlicher Verpackung. Für die es dann ja die angeblich so umweltfreundliche Mülltrennung gibt: Die künstlichen Aromastoffe gehören also samt Konservierungsstoffen in den Magen, die künstliche Plastikhülle hingegen in den gelben Sack.

Zahlreiche Umfragen attestieren nun aber gerade den Deutschen gute Ernährungskenntnisse. Wie bei allem, sind die Deutschen auch hier gründlich und wissen Bescheid. Wie kann es da sein, dass 40 % der Deutschen übergewichtig sind und Herz-Kreislaufkrankheiten haben und wenn abgenommen werden soll, wird dennoch drauflos diätet als wären Verstand und Wissen mitsamt den fett-süßen Kalorienbomben das Klo hinuntergespült worden? Die Deutschen wissen viel über Kohlenhydrate und Glukose, über gesättigte und ungesättigte Fette, kennen auch schon einmal den Unterschied zwischen Voll- und Rohrohrzucker und essen doch zu fett, zu salzig und zu süß. An mangelndem Wissen liegt das also gar nicht. Es ist wohl eher die Macht der Gewohnheit und der allgemein anerkannten schlechten Ernährungsmoral und der Befürwortung eines eher flexiblen und dynamischen denn gesunden Lebenswandel.

Alles fertig aus der Packung: so lieben es die Deutschen.
Alles fertig aus der Packung: so lieben es die Deutschen. © kli

Besser viel Geld in ein Handy als in eine Ernährungsumstellung mit aufwendigen und langen, allein dem Essen gewidmeten Lebens- und Mußezeiten investiert. Letzteres klingt ja auch allzu altmodisch. Du liebe Zeit: Muße! Das stinkt ja geradezu nach Mottenkugeln aus dem 19. Jh. Allein die Zeit, die es braucht, das lange u auszusprechen! Kommt nun aber einer daher und spricht von Wellness anstatt von Essen und Muße als Lebensqualität, spricht von Fitness und ewiger Jugend anstatt von weniger Fleisch und mehr Gemüse, dann klingt das allerdings alles andere als altmodisch. Dann klingt das nach Dynamik und einem durchaus fortschrittlichen statt fortgeschrittenen Lebens- und Arbeitsbewusstsein. Das heißt, es klingt mehr nach Lifebalance und Management denn nach Luxus. Und außerdem klingt es nach Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Nun ja, Amerika. Das ist natürlich wahr, da kommt manche unserer ungesunden Anwandlungen ja geradezu her. Und warum denn auch nicht? Ist Amerika denn etwas nicht eine Weltmacht? Und sei es nun eine übergewichtige oder gar eine der Übergewichtigen, so spricht doch wohl gerade das Gewicht eher für denn gegen diese Unkultur? Und dass Wellness auch in Deutschland schwer in ist, obwohl es ernährungstechnisch doch nun wirklich ein Luxus ist, ist schon etwas, nicht wahr? Das ist ja richtig ein bisschen Hollywood im eigenen Alltag. Well, well. Gut und schön. Gut und gesund. Wer will das denn auch nicht sein und am besten dabei auch noch seinen umtriebigen, stressigen Arbeits- und Familienalltag managen. Und ist es nicht geradezu das, was Wellness verspricht? Essen nicht um der eigenen Gesundheit und des eigenen Leibes willen, sondern um einer ewig frischen und jungen Leistungsfähigkeit willen? Um loszupowern. Also ist doch alles bestens in deutschen Esskulturlanden, oder etwa nicht?

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