Glosse:
Im Land der Kulturbanausen der Esskultur
von str
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| Nicht nur hier sind Pommes groß geschrieben. © kli |
Wer am Essen spart, der ist wer. In Deutschland jedenfalls. Im Land der Genügsamen, der Redlichtreuen, der Talerverehrer, der Anspruchslosen. Die Deutschen, die verstehen etwas von Pflicht, Ordnung und Gehorsam. Wer hier etwas werden will, der muss erst einmal haushalten und auf den Pfennig schauen. Vor allem, was Ausgaben betrifft, die so mir nichts dir nichts im Magen verschwinden. Ein bisschen drauf rumgekaut, dann nur einmal geschluckt und schon ist für immer verloren, was eine Kapitalanlage auf die Zukunft hätte sein sollen. In Deutschland leben somit die meisten Sparschweine der Welt. Gut im Futter und dazu mehr als billig.
Und wo lebt Gott? Natürlich in Frankreich. Wie Gott in Frankreich leben, das ist jedoch ein teurer Luxus und solch einen lässt die Moral der Deutschen nicht zu. Die heißt nämlich: nur wer sich nichts gönnt und sich nicht schont, kommt in den Himmel der Rechtschaffenen.
Und da wollen sie hin, all die, die am besten wissen, dass hier in unseren deutschen Landen nur der nicht als Gesellschaftsschmarotzer gilt, der abgearbeitet aussieht und mehr Stress als Zeit hat und zum Essen nun schon einmal gar nicht mehr kommt. Und lässt da auch manch Magengeschwür schön grüßen, ganz abgesehen von Herz und Galle, wir Deutschen können eben nicht anders als alles andere wichtiger und erheblicher zu finden als unser eigenes Leibeswohl.
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| Hier ist Fast Food angesagt. © kli |
Etwa 12 Prozent aller Deutschen über 18 sind „Fast Fooder“. Das fand das Institut für sozial-ökologische Forschung, kurz ISOE genannt, heraus. Und bei den 18 - 25 Jährigen ist es sogar jeder und jede zweite. Die gestressten deutschen AlltagsmanagerInnen essen am liebsten unregelmäßig, den einen Bissen hier, den anderen dort, am besten gleich neben der Arbeit her, vor dem Computerschirm oder auch auf der Straße. Während Mann und Frau von einem Termin zum nächsten hetzen, wird der Hunger gestillt, wie und wo es sich eben gerade so ergibt, sich bloß keine Ruhepause gegönnt, bloß nicht aufwendig gekocht und den Tisch gedeckt, das kostet doch alles mehr als nötig. Mag es auch mehr als gesund sein. Wir haben es eben nicht dicke, da sind wir eben lieber dicke und wälzen unsere Pfunde von einem Mac zum anderen.
Gerade gestern traf ich Frau Erkenwurzer, Witwe zweier Milliardäre, bei Aldi. Dort besorgte sie schnell für sich ein paar Tiefkühlpizzen und Fertigsuppen, um dann beim Feinkosthändler für ihren Yorkshireterrier Enno von der Eiderhaide dessen geliebte Wildschweinpastete zu kaufen, weil ihr Enno nun einmal nicht irgendein Hund ist, sondern von Adel und preisgekrönt. Aber sie selbst, sie kommt auch mit Aldikost aus. Warum sollte sie ihre Milliarden für Lebensmittel verschwenden, die ihr genauso gut oder gar schlechter schmecken als die gewohnte, bequem erhältliche und zubereitbare Aldiware?
Ach, und ich? Ich kam ihr erst mit den Griechen, nicht nur den alten, und dann mit den Engländern. Da konnte sie nur lachen. Die griechischen Süßigkeiten, die schwömmen doch nur so im Zuckersirup und wenn sie irgendwo mit Fleischbergen überfordert worden wäre, dann jawohl gerade beim Griechen um die Ecke. Und in Griechenland seien bereits die Kinder fett. Von wegen mediterran gesunde Küche! Und England, na, das sei ja nun wirklich sprichwörtlich für seine schlechte Küche. Ich konnte so viel erzählen wie ich wollte, sie wollte nicht hören, sondern es lieber einmal zu spüren bekommen. Eine Esskulturbanausin par excellence, sozusagen im guten altdeutschen Sinne.
Die Griechen, bei denen ich zu Gast war, wussten jedenfalls noch, dass nicht nur in der Gastfreundschaft vor allem zählt, was auf den Tisch kommt und verstanden es auch heute noch ausgezeichnet, sich gerade mit ihrem frischen Gemüse und Obst aus eigenem Garten und ihrem selbst angebautem und hergestelltem Olivenöl in die Brust zu werfen. Und in England ist nicht nur Prinz Charles ein eifriger Bioanbauer und Indien schon vor dem aktuellen Ayurvedatrend esskulturprägend und ernährungsmäßig gesundheitsfördernd gewesen. Wenn sich England auch sonst als Kolonialmacht mehr snobistisch denn offenen Ohrs gezeigt hat.
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| Am liebsten aus dem Tiefkühlfach. © kli |
Und überhaupt. Was die Deutschen mit Genuss verbinden, wenn sie ans Essen denken, das kommt jedenfalls alles andere als frisch daher, sondern steckt in manch umweltunfreundlicher Verpackung. Für die es dann ja die angeblich so umweltfreundliche Mülltrennung gibt: Die künstlichen Aromastoffe gehören also samt Konservierungsstoffen in den Magen, die künstliche Plastikhülle hingegen in den gelben Sack.
Zahlreiche Umfragen attestieren nun aber gerade den Deutschen gute Ernährungskenntnisse. Wie bei allem, sind die Deutschen auch hier gründlich und wissen Bescheid. Wie kann es da sein, dass 40 % der Deutschen übergewichtig sind und Herz-Kreislaufkrankheiten haben und wenn abgenommen werden soll, wird dennoch drauflos diätet als wären Verstand und Wissen mitsamt den fett-süßen Kalorienbomben das Klo hinuntergespült worden? Die Deutschen wissen viel über Kohlenhydrate und Glukose, über gesättigte und ungesättigte Fette, kennen auch schon einmal den Unterschied zwischen Voll- und Rohrohrzucker und essen doch zu fett, zu salzig und zu süß. An mangelndem Wissen liegt das also gar nicht. Es ist wohl eher die Macht der Gewohnheit und der allgemein anerkannten schlechten Ernährungsmoral und der Befürwortung eines eher flexiblen und dynamischen denn gesunden Lebenswandel.
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| Alles fertig aus der Packung: so lieben es die Deutschen. © kli |
Besser viel Geld in ein Handy als in eine Ernährungsumstellung mit aufwendigen und langen, allein dem Essen gewidmeten Lebens- und Mußezeiten investiert. Letzteres klingt ja auch allzu altmodisch. Du liebe Zeit: Muße! Das stinkt ja geradezu nach Mottenkugeln aus dem 19. Jh. Allein die Zeit, die es braucht, das lange u auszusprechen! Kommt nun aber einer daher und spricht von Wellness anstatt von Essen und Muße als Lebensqualität, spricht von Fitness und ewiger Jugend anstatt von weniger Fleisch und mehr Gemüse, dann klingt das allerdings alles andere als altmodisch. Dann klingt das nach Dynamik und einem durchaus fortschrittlichen statt fortgeschrittenen Lebens- und Arbeitsbewusstsein. Das heißt, es klingt mehr nach Lifebalance und Management denn nach Luxus. Und außerdem klingt es nach Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Nun ja, Amerika. Das ist natürlich wahr, da kommt manche unserer ungesunden Anwandlungen ja geradezu her. Und warum denn auch nicht? Ist Amerika denn etwas nicht eine Weltmacht? Und sei es nun eine übergewichtige oder gar eine der Übergewichtigen, so spricht doch wohl gerade das Gewicht eher für denn gegen diese Unkultur? Und dass Wellness auch in Deutschland schwer in ist, obwohl es ernährungstechnisch doch nun wirklich ein Luxus ist, ist schon etwas, nicht wahr? Das ist ja richtig ein bisschen Hollywood im eigenen Alltag. Well, well. Gut und schön. Gut und gesund. Wer will das denn auch nicht sein und am besten dabei auch noch seinen umtriebigen, stressigen Arbeits- und Familienalltag managen. Und ist es nicht geradezu das, was Wellness verspricht? Essen nicht um der eigenen Gesundheit und des eigenen Leibes willen, sondern um einer ewig frischen und jungen Leistungsfähigkeit willen? Um loszupowern. Also ist doch alles bestens in deutschen Esskulturlanden, oder etwa nicht?



