Rette sich, wer kann: Fahrradfahrer in Göttingen
von D.C. Pardey
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| Fahrradfahrerinnen in Göttingen - auch zu schnell für die Kamera ... . © D.C. Pardey |
Allenfalls zwei Aspekte gibt es an dieser ganzen blöden Geschichte, die mich fröhlich stimmen: Zum einen den, dass der Radfahrer auch auf seinesgleichen keinerlei Rücksicht nimmt. Ohne zu gucken, ob sie frei ist, biegt er in eine Straße ein dabei kann er natürlich auch andere Radfahrer nicht beachten. Nix sehen ist nix sehen!
Aber der Aspekt, der mich irgendwie so richtig gefangen nimmt, ist der Gedanke, dass in Göttingen die Schwächsten über alle anderen herrschen. Der Fahrradfahrer bestimmt den Verkehr. Durch seine exponierte Position und sein unvorhersehbares Auftauchen an allen denkbaren und undenkbaren Stellen stärker gefährdet als der Fußgänger verfügt er gleichzeitig nicht über den geringsten Schutz. Ohne direkten Bodenkontakt sitzt er hoch zu Ross und hat im Gegensatz zum Autofahrer keine Knautschzone. Und doch regiert er die Straßen Göttingens! Man darf ihn ja nicht einfach mit dem Auto umnieten, bloß weil er plötzlich vor einem auftaucht und die Straße quert, ohne nach rechts oder links zu gucken! Und man darf ihm auch nicht in den Weg springen und ihn umschubsen, wenn er auf dem Fußgängerweg rumbrettert. Er könnte ja umfallen und sich weh tun! So nehmen wir alle Rücksicht auf diesen Ärmsten unter uns und ohne ein Dankeswort jagt er davon.
Ich bin für die Einführung der Kennzeichenpflicht für Fahrräder und am besten auch gleich für ihre Besitzer. Das würde auch den weit verbreiteten Fahrradklau erschweren: Jeder Fahrradfahrer muss einen Helm mit dem gleichen Kennzeichen wie sein Fahrrad tragen. Eignungsprüfungen müssen eingeführt werden, um die Erlaubnis zu erwerben, ein Fahrrad, das gefährlichste aller Fahrzeuge, führen zu dürfen! Jawoll! Bei einer kürzlich stattfindenden Fahrradkontrolle hat die Polizei in Göttingen innerhalb einer einzigen Stunde 51 Verwarnungen verhängt. Warum noch verwarnen, frage ich? Das hätten 51 Rüpel auf den Straßen und Wegen Göttingens weniger sein können!
Natürlich muss man das relativieren. Man darf sie ja nicht alle über einen Kamm scheren das wird den Radfahrern nicht gerecht, die sich an die Regeln halten, Rücksicht üben und ein vollwertiges mitdenkendes Mitglied des allgemeinen Straßenverkehrs sind. Die gibt es schließlich auch! Je weiter man ins Zentrum Göttingens dringt, desto seltener sind sie allerdings vertreten ... Das Rowdytum unter Radfahrern ist übrigens in allen gesellschaftlichen Gruppierungen vorzufinden: Ich musste schon jeder Alters-, Bildungs- und sozialen Klasse auf dem Fußweg aus dem Weg springen, auch das Geschlecht ist in diesem Fall offenbar irrelevant.
Die Tatsache, dass ein Radfahrer seine eigene Kraft einsetzen muss, um sein Gefährt zu bewegen, scheint ihn dazu zu berechtigen, mit dieser Kraft so geizig wie überhaupt nur möglich umzugehen. Ein richtiger Fahrradrüpel wird niemals bremsen, sein Rad stets genau da abstellen, wo er von ihm hinuntergestiegen ist, und keine Sekunde stehen bleiben, um auf rote Ampelsignale oder andere, bevorrechtigte Verkehrsteilnehmer zu warten. Ein Gespräch auf seinem Handy nimmt er an, ohne zu halten, mit einer rutschenden Tasche auf dem Rücken einhändig, aber in voller Fahrt die Kurve nehmend. Ich warte jetzt nur noch darauf, dass der erste damit beginnt, sein Laptop auf der Lenkstange zu balancieren, um während der Fahrt eine E-Mail zu schreiben. Und dann werde ich ihn mit einem Stoppschild erschlagen.