Rette sich, wer kann: Fahrradfahrer in Göttingen
von D.C. Pardey
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| Fahrradfahrer in Göttingen - zu schnell, um scharfgestellt zu werden ... . © D.C. Pardey |
Zugegeben: Ein Göttingen-Liebhaber der ersten Stunde bin ich nicht. Es dauerte schon ein Weilchen, bis ich mich in Göttingen eingelebt hatte. Doch jetzt finde ich es richtig kuschelig: mit seinen Bürgerhäusern, der Beschaulichkeit und Überschaubarkeit der Innenstadt, dem Rauf und Runter der Berge und Täler und der schnell erreichten, erquickenden Umgebung. Auch das kulturelle Angebot, für viele Nörgler ein klarer Kritikpunkt, reicht für einen Sesselpupser wie mich absolut aus. Nur wenige Wermutstropfen machen mir das Leben hier bitter. Am ungenießbarsten unter diesen sind für mich die Fahrradfahrer.
Ich verstehe den Radfahrer ja überhaupt nicht. Durchaus möglich, dass er an sich kein schlechter Kerl ist. Als Mensch, meine ich. So gesehen ist er schließlich jemand, der sich gern im Freien aufhält, nur seine eigene, wiederherstellbare Energie verbraucht, die Luft nicht verschmutzt und die Straßen nicht übermäßig abnutzt. Also gar nicht so übel, als Mensch. Als Verkehrsteilnehmer aber ist er das Hinterletzte.
Was den Radfahrer unter vielem anderen so unsympathisch macht, ist sein zwanghaftes Bestreben, von seinem schwer erarbeiteten Tempo nichts wieder herzugeben. Widersinnig, von einem Radfahrer zu verlangen, zu bremsen! Allenfalls ist er in der Lage wenn sein Hindernis Fußgänger oder Auto sich auch durch konsequentes Draufhalten und starr Angucken nicht dazu bewegen lässt, die Bahn für ihn freizumachen die Situation durch scharfe Kurven, wilde Schlenker und halsbrecherische Manöver zu meistern, die wiederum andere Fußgänger oder Autos dazu zwingen, ihm aus dem Weg zu eilen.
Ein weiteres grundlegendes Problem am Göttinger Fahrradfahrer ist seine feste Überzeugung, die Welt sei sein. Die Radfahrer sind ein eher manischer Menschenschlag, scheint es. Sie dürfen alles. Ihre Arena ist die ganze Welt. Verkehrsregeln existieren nur so weit, wie sie Radfahrer begünstigen, alles andere ist der Schattenwelt der anderen Verkehrsteilnehmer entsprungen, die es mit zwei Rädern, zwei Pedalen und ohne Klingel zu bekämpfen gilt.
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| Puh, es sind ja nur Fahrräder! Nicht auszudenken: Wenn die alle mit ihrem Panzer gekommen wären! © D.C. Pardey |
Der Radfahrer ist eigentlich ein Fußgänger mit Rädern und einem affenartigen Tempo. Deshalb benutzt er Bürgersteig, Fußgängerüberwege und große Plätze völlig selbstverständlich und versetzt dort die Fußgänger in Angst und Schrecken. Er ist aber auch ein Autofahrer ohne Blechkarosse mit einem besonders kleinen Wendekreis und der Lizenz zum Missachten von Ampelbefehlen. Deshalb findet man ihn links oder rechts oder auch mitten auf der Straße fahrend, das grüne, gelbe oder rote Signal der Fußgänger- oder Autoampel zum Einfach-Drauflosfahren nutzend, in Richtung oder Gegenrichtung der Einbahnstraße und bei alledem forsch in Göttingens Straßen. Da laviert er sich, zunächst mal die Ampel und jegliche Rücksichtnahme auf andere mit Hilfe des Bürgersteigs umfahrend, eine Spur von zur Seite springenden lieben Omis mit schweren Einkaufstaschen hinter sich lassend, ohne nach rechts, links oder hinten blickend plötzlich auf die Straße spotzend an das Ziel seiner Fahrt, wo er was tut? Was tut er? Er steigt direkt vor dem Eingang, sagen wir mal, der Bäckerei an der Ecke von seinem Veloziped hinunter, stellt es ab und holt sich einen Kaffee zum Mitnehmen und ein Rosinenbrötchen, die er während der Weiterfahrt zu sich nehmen wird mehr Koffein, mehr Zucker, mehr Aggressivität muss in den kleinen Kerl hineingepumpt werden, der jetzt, ohne seine Waffe, gar nicht mehr so bedrohlich wirkt. So. Und jetzt raten Sie mal, wo er sein Fahrrad abgestellt hat. Fast unmerklich ist der Fahrradfahrer nämlich zu einem Fahrradabsteller geworden, einer sogar noch unsympathischeren Spielart des Fahrradbenutzers.
Wo steht jetzt das Rad? Steht es im auf der gleichen Straßenseite angebrachten allgemein zugänglichen Fahrradständer? In der für parkende Fahrzeuge vorgesehenen Straßeneinbuchtung auf der gegenüberliegenden Seite? Hat er es sich leicht gemacht und das Rad an die Scheibe der Bäckerei gelehnt, wo es gleich umkippen wird, weil sich der Bürgersteig zur Straße hinunter neigt? Eine Kleinigkeit, die seinem nach oben und vorn gerichteten, stolzen Straßenerobererblick entgehen musste ... Nein, soweit lässt es unser Fahrradabsteller nicht kommen! Er hat natürlich das Fahrrad an der naheliegendsten Stelle abgestellt, nämlich direkt vor dem Eingang der Bäckerei, mitten auf dem Bürgersteig, als Winkelhalbierende der Ecke. Ist doch logisch! So kann er doch viel besser losfahren, wenn er fertig ist!
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| Fahrradfahrerinnen in Göttingen - auch zu schnell für die Kamera ... . © D.C. Pardey |
Allenfalls zwei Aspekte gibt es an dieser ganzen blöden Geschichte, die mich fröhlich stimmen: Zum einen den, dass der Radfahrer auch auf seinesgleichen keinerlei Rücksicht nimmt. Ohne zu gucken, ob sie frei ist, biegt er in eine Straße ein dabei kann er natürlich auch andere Radfahrer nicht beachten. Nix sehen ist nix sehen!
Aber der Aspekt, der mich irgendwie so richtig gefangen nimmt, ist der Gedanke, dass in Göttingen die Schwächsten über alle anderen herrschen. Der Fahrradfahrer bestimmt den Verkehr. Durch seine exponierte Position und sein unvorhersehbares Auftauchen an allen denkbaren und undenkbaren Stellen stärker gefährdet als der Fußgänger verfügt er gleichzeitig nicht über den geringsten Schutz. Ohne direkten Bodenkontakt sitzt er hoch zu Ross und hat im Gegensatz zum Autofahrer keine Knautschzone. Und doch regiert er die Straßen Göttingens! Man darf ihn ja nicht einfach mit dem Auto umnieten, bloß weil er plötzlich vor einem auftaucht und die Straße quert, ohne nach rechts oder links zu gucken! Und man darf ihm auch nicht in den Weg springen und ihn umschubsen, wenn er auf dem Fußgängerweg rumbrettert. Er könnte ja umfallen und sich weh tun! So nehmen wir alle Rücksicht auf diesen Ärmsten unter uns und ohne ein Dankeswort jagt er davon.
Ich bin für die Einführung der Kennzeichenpflicht für Fahrräder und am besten auch gleich für ihre Besitzer. Das würde auch den weit verbreiteten Fahrradklau erschweren: Jeder Fahrradfahrer muss einen Helm mit dem gleichen Kennzeichen wie sein Fahrrad tragen. Eignungsprüfungen müssen eingeführt werden, um die Erlaubnis zu erwerben, ein Fahrrad, das gefährlichste aller Fahrzeuge, führen zu dürfen! Jawoll! Bei einer kürzlich stattfindenden Fahrradkontrolle hat die Polizei in Göttingen innerhalb einer einzigen Stunde 51 Verwarnungen verhängt. Warum noch verwarnen, frage ich? Das hätten 51 Rüpel auf den Straßen und Wegen Göttingens weniger sein können!
Natürlich muss man das relativieren. Man darf sie ja nicht alle über einen Kamm scheren das wird den Radfahrern nicht gerecht, die sich an die Regeln halten, Rücksicht üben und ein vollwertiges mitdenkendes Mitglied des allgemeinen Straßenverkehrs sind. Die gibt es schließlich auch! Je weiter man ins Zentrum Göttingens dringt, desto seltener sind sie allerdings vertreten ... Das Rowdytum unter Radfahrern ist übrigens in allen gesellschaftlichen Gruppierungen vorzufinden: Ich musste schon jeder Alters-, Bildungs- und sozialen Klasse auf dem Fußweg aus dem Weg springen, auch das Geschlecht ist in diesem Fall offenbar irrelevant.
Die Tatsache, dass ein Radfahrer seine eigene Kraft einsetzen muss, um sein Gefährt zu bewegen, scheint ihn dazu zu berechtigen, mit dieser Kraft so geizig wie überhaupt nur möglich umzugehen. Ein richtiger Fahrradrüpel wird niemals bremsen, sein Rad stets genau da abstellen, wo er von ihm hinuntergestiegen ist, und keine Sekunde stehen bleiben, um auf rote Ampelsignale oder andere, bevorrechtigte Verkehrsteilnehmer zu warten. Ein Gespräch auf seinem Handy nimmt er an, ohne zu halten, mit einer rutschenden Tasche auf dem Rücken einhändig, aber in voller Fahrt die Kurve nehmend. Ich warte jetzt nur noch darauf, dass der erste damit beginnt, sein Laptop auf der Lenkstange zu balancieren, um während der Fahrt eine E-Mail zu schreiben. Und dann werde ich ihn mit einem Stoppschild erschlagen.


