Glosse:
Das Göttinger Fahrradnörgele: Sind auch Sie es leid?
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| Fahrradfahrerin auf der Flucht. © str |
Der Vortrag dauert an und an, ich habe es immer eiliger. Endlich verliere ich die Geduld, rempele kurzerhand an dem Fahrradnörgele vorbei, jage im dritten Gang los, ohne noch für irgendetwas oder irgendjemanden einen näheren denn den Muss-hier-durch-Blick zu haben, entkomme einem Fahrradnörgele nach dem anderen, ihren Vorträgen und Armschlägen, bin endlich am Ziel und: „Verdammt! Alle Fahrradständer bereits doppelt und dreifach belegt!“ Aber, was soll’s, die Not macht’s nötig: ich stelle mein Fahrrad einfach direkt vor dem Eingang ab und bin doch zu spät dran, habe nun also noch einen mir wohlgewogenen Mitmenschen weniger und ein Fahrrad auch, denn kaum stehe ich wieder vor der Tür, ist dieses weg und auch die Polizei wird den Dieb nicht finden. Das kenne ich schon zur Genüge. Ich bin ja nicht erst seit heute Fahrradfahrer in Göttingen, einer von allzu vielen und damit bei allen außer dem Fahrradnörgele nichts als eine kleine Nummer unter ferner liefen.
Kurz und gut: Fahrradfahrer wie ich führen in Göttingen aufgrund ihrer starken Population ein abgehetztes, stresslastiges Leben, bräuchten vor allem Zuwendung und im Göttinger Verkehr Sonderkonditionen und haben stattdessen alle Fahrradnörgele gegen sich. War ich eben noch auf meinem Fahrrad oder neben ihm Mensch, so kommt garantiert so ein Nörgele daher und degradiert mich sekundenschnell zum Unmenschen. Einfach so. Einfach, weil ich auf zwei Rädern sitze. Einfach, weil es meint, das gelehrte Göttingen, das habe solch eine sportive Fahrradschwemme nicht verdient. Und weil es sich wie alle Nörgler nicht damit abfinden kann, dass bestimmte Tatsachen, wie die vieler Fahrräder, ganz notwendigerweise bestimmte Erfahrungen, wie die, den vielen Fahrrädern nicht ausweichen zu können, nach sich ziehen.
Doch lässt sich das Fahrradnörgele selten von Tatsachen beirren und zu allem Überfluss schreibt es auch noch, am liebsten Leserbriefe. Letztens zeigte es sich gar der höheren Schule der Publizistik kundig und gab gleich seitenlang sein Unverständnis darüber kund, wieso sich gerade der Göttinger Fahrradfahrer derart unsympathisch verhalte.
Mir reicht’s! Ich bin es schon lange mehr als leid! Ich bitte also das Göttinger Fahrradnörgele ein für alle Mal um seine Aufmerksamkeit: Genug der Vorurteile! Die Masse allein macht aus den Fahrradfahrern noch lange keine besseren oder schlechteren Verkehrsteilnehmer! Wo hätte eine erhöhte Quantität je für eine erhöhte Qualität gesorgt? Göttinger Fahrradfahrer sind eben auch nur Menschen. Was denn sonst? Wertes Fahrradnörgele, wissen Sie, was ich am Ende glaube? Sie müssen den Fahrradfahrer nur einmal loben und schon bessert er sich auf ganzer Linie! Würde es Ihnen nicht gefallen, zur Abwechslung einmal als Fahrradloberle gute Miene zum, dank der Fahrradfahrer, einzigartig umweltfreundlichen Göttinger Verkehrsbetrieb zu machen? Sie fürchten doch am Ende sowieso nichts so sehr, als dass die Göttinger Fahrradfahrer eines Tages aussterben und ihnen den Nörgelspaß verderben könnten. Ein Göttingen ohne seine berühmt-berüchtigte Fahrradpopulation? Unvorstellbar, nicht wahr? Höchste Zeit also, dem Göttinger Fahrradfahrer sein Loblied zu singen, bevor er am Ende doch noch das dörflich-friedliche Weite sucht:
Ein Lob dem Göttinger Fahrradfahrer!
Er weiß überall hinzukommen und das ganz ohne Abgase und Parkgebühren. Er bewegt sich viel in frischer Luft und das ganz ohne ärztliche Verordnung. Er hat Leistungsvermögen, Wellness und Mobilität auf seiner Seite, ist somit mehr als zeitgemäß. Er ist ein robust-dynamischer Kerl und eine durchtrainiert, handwerklich geschickte Frau noch dazu. Wer in Göttingen lebt und Fahrrad fährt, ist auf der stadt- und verkehrspolitisch gesunden Seite und muss von keinem revitalisiert werden. Wer in Göttingen lebt und nicht Fahrrad fährt, kann jederzeit die Seite wechseln. Als Verkehrsteilnehmer ist der Fahrradfahrer schlicht und einfach ein Stück bessere Welt. Eine Welt, in der das Gleichgewicht von Körper und Geist noch in Ordnung ist. Er lebe hoch, der Göttinger Fahrradfahrer!
Der ADFC-Göttingen (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) weiß es übrigens schon lange: Der Göttinger Fahrradfahrer ist nicht nur sportiv, er ist auch noch bildungshungrig. Ob Römer, Carl Friedrich Gauss, die Göttinger Schäfer oder Sterne, in Göttingen ist zumindest ein Fahrradfahrer garantiert interessiert, ermüdet nie und steht auch schon einmal früh auf, um mit dabei zu sein. Aber auch als Spätaufsteher sind die Göttinger Fahrradfahrer beim ADFC gefragt. Denn: Es sind die Radler Göttingen, die der Stadt zu ihrem einzigartigem Ambiente verhelfen. Anstatt uns vor ihnen zu retten sollten wir sie loben, loben und noch mehr loben.
