Glosse:
Das Göttinger Fahrradnörgele: Sind auch Sie es leid?
von str
![]() |
| Fahrradnörgele stellt Fahrradfahrer vorm Gänseliesl. © str |
Nörgeln ist in. Vor allem in Deutschland. Hierzulande wird besonders gerne an allem und jedem herumkritisiert, nichts für gut befunden, und am Ende überall das Haar in der Suppe entdeckt, mit spitzen Fingern herausgezogen und: „Seht nur her, nun sagt nicht, Euch gefällt dies Elend auch noch?“. Ja wahrlich, wenn der Deutsche ein Handwerk besonders gut beherrscht, dann ist das ganz bestimmt das Herumnörgeln und Beargwöhnen der Verhältnisse. Immer gibt es etwas, was ihn stört. Im Norden ist es zu kalt und im Süden zu heiß. Wer Arbeit hat, kann ja schon froh sein, dass, ist es also nicht. Wer keine hat, hat ja nun wirklich nichts zu lachen, von daher allen Grund, sich aufzuregen und herumzumosern. Der eine ärgert sich über den Nachbarn und der andere darüber, dass er keinen hat. Bisher hat noch jedes deutsche Nörgele herausgefunden, welcher Wermutstropfen es ist, der ihm das Leben vergällt. Und wer sein Nörglerhandwerk besonders gut und medienwirksam beherrscht, der ist auf einen Schlag in allen Lästermunden zugleich, und somit höchst berühmt und berüchtigt. Keiner will ihn leiden können, aber alle gehen hin und hören zu. Über jemanden herzuziehen und an allem herumzumäkeln ist eben allemal besser als etwas als zu gut für diese Welt zu befinden.
Seit ich in Göttingen bin, habe ich es nun mit einer nur hier ansässigen Spezies der Nörgler zu tun. Eine Spezies, die mich, kaum in die Stadt gezogen, ebenso reizt wie ich sie reize und das täglich. Es handelt sich hier um das Göttinger Fahrradnörgele, das meiner Ansicht nach das eigentliche Wahrzeichen Göttingens ist. Das Göttinger Gänseliesel hat kaum mehr eine Chance, jedenfalls beim Fahrradfahrer. Bis der dort angelangt wäre, schön gemächlich die Fußgängerzone hinunter, hätte ihn nämlich das Göttinger Fahrradnörgele bereits mit dem Schirm erschlagen und das gleich in zehnfacher Ausführung. Denn ein Fahrradnörgele kommt selten allein!
Ich bin begeisterter Radfahrer und wäre auch ein begeisterter Göttinger, aber als Fahrradfahrer geht das nun einmal nicht. Es funkt einem ständig ein Fahrradnörgele dazwischen und in die Fahrkünste hinein. Gerade habe ich mein Fahrrad aus seinem Fahrradständer zwischen all den tentakelnden Lenkern herausmanövriert, da steht auch schon vor mir. Ob in Jeans oder Anzughose, ob in T-Shirt mit Aufdruck: „Take care!“ oder Hemd, alles sitzt in jedem Falle wie es sitzen sollte, ohne Knitter und Falten, ohne Dreck und Fleck. Die leicht breitbeinige Haltung strahlt die Göttinger Standfestigkeit altehrwürdigen Rufes aus, der Blick ist überaufmerksam und vom vielen Kleinanzeigen, Randbemerkungen und Fußnoten lesen leicht kurzsichtig, das Gesicht vom täglichen Mitmenschenfrust rosa dauerverärgert. Die Lippen sind redegewandt biegsam, Kopf und Arme größer als der ganze Rest. Der rechte Arm ist bereits gezogen, steht schlagstockartig schräg in der Luft, meinem unbehelmten Kopf bedenklich nahe. Ohne jeglichen Zweifel handelt es sich hier um den Typus Fahrradnörgele, ohne jegliche Empathie für meine Lage und Sinn dafür, dass Zeit heutzutage rar ist und auch der Fahrradfahrer, wie alle, seine Termine einzuhalten hat. Wer lässt sich schon gerne mit einem: „Wurde vom Göttinger Fahrradnörgele aufgehalten“ entschuldigen? Mittlerweile kommt das Fahrradnörgele mehr und mehr in Fahrt und hält mir gleich in einem Daueratemzug die Sünden aller Göttinger Fahrradfahrer vor. Es kenne meinesgleichen. Dass ich ihm mein Fahrrad fast gegen die Hüfte gerammt hätte, so dass es fast das Gleichgewicht verloren hätte was hat es sich auch an den Fahrradständern entlang zu schlängeln? - , wäre nur der Anfang all meiner Gewissenlosigkeit, gleich würde ich ohne nach rechts und links zu schauen losjagen, den Leuten auf den Bürgersteigen Angst machen, weder Bremse noch Klingel mehr kennen, zur Göttinger Naturkatastrophe mutieren und am Ende mein Rad dort abstellen, wo es allen im Wege stände.
![]() |
| Fahrradfahrerin auf der Flucht. © str |
Der Vortrag dauert an und an, ich habe es immer eiliger. Endlich verliere ich die Geduld, rempele kurzerhand an dem Fahrradnörgele vorbei, jage im dritten Gang los, ohne noch für irgendetwas oder irgendjemanden einen näheren denn den Muss-hier-durch-Blick zu haben, entkomme einem Fahrradnörgele nach dem anderen, ihren Vorträgen und Armschlägen, bin endlich am Ziel und: „Verdammt! Alle Fahrradständer bereits doppelt und dreifach belegt!“ Aber, was soll’s, die Not macht’s nötig: ich stelle mein Fahrrad einfach direkt vor dem Eingang ab und bin doch zu spät dran, habe nun also noch einen mir wohlgewogenen Mitmenschen weniger und ein Fahrrad auch, denn kaum stehe ich wieder vor der Tür, ist dieses weg und auch die Polizei wird den Dieb nicht finden. Das kenne ich schon zur Genüge. Ich bin ja nicht erst seit heute Fahrradfahrer in Göttingen, einer von allzu vielen und damit bei allen außer dem Fahrradnörgele nichts als eine kleine Nummer unter ferner liefen.
Kurz und gut: Fahrradfahrer wie ich führen in Göttingen aufgrund ihrer starken Population ein abgehetztes, stresslastiges Leben, bräuchten vor allem Zuwendung und im Göttinger Verkehr Sonderkonditionen und haben stattdessen alle Fahrradnörgele gegen sich. War ich eben noch auf meinem Fahrrad oder neben ihm Mensch, so kommt garantiert so ein Nörgele daher und degradiert mich sekundenschnell zum Unmenschen. Einfach so. Einfach, weil ich auf zwei Rädern sitze. Einfach, weil es meint, das gelehrte Göttingen, das habe solch eine sportive Fahrradschwemme nicht verdient. Und weil es sich wie alle Nörgler nicht damit abfinden kann, dass bestimmte Tatsachen, wie die vieler Fahrräder, ganz notwendigerweise bestimmte Erfahrungen, wie die, den vielen Fahrrädern nicht ausweichen zu können, nach sich ziehen.
Doch lässt sich das Fahrradnörgele selten von Tatsachen beirren und zu allem Überfluss schreibt es auch noch, am liebsten Leserbriefe. Letztens zeigte es sich gar der höheren Schule der Publizistik kundig und gab gleich seitenlang sein Unverständnis darüber kund, wieso sich gerade der Göttinger Fahrradfahrer derart unsympathisch verhalte.
Mir reicht’s! Ich bin es schon lange mehr als leid! Ich bitte also das Göttinger Fahrradnörgele ein für alle Mal um seine Aufmerksamkeit: Genug der Vorurteile! Die Masse allein macht aus den Fahrradfahrern noch lange keine besseren oder schlechteren Verkehrsteilnehmer! Wo hätte eine erhöhte Quantität je für eine erhöhte Qualität gesorgt? Göttinger Fahrradfahrer sind eben auch nur Menschen. Was denn sonst? Wertes Fahrradnörgele, wissen Sie, was ich am Ende glaube? Sie müssen den Fahrradfahrer nur einmal loben und schon bessert er sich auf ganzer Linie! Würde es Ihnen nicht gefallen, zur Abwechslung einmal als Fahrradloberle gute Miene zum, dank der Fahrradfahrer, einzigartig umweltfreundlichen Göttinger Verkehrsbetrieb zu machen? Sie fürchten doch am Ende sowieso nichts so sehr, als dass die Göttinger Fahrradfahrer eines Tages aussterben und ihnen den Nörgelspaß verderben könnten. Ein Göttingen ohne seine berühmt-berüchtigte Fahrradpopulation? Unvorstellbar, nicht wahr? Höchste Zeit also, dem Göttinger Fahrradfahrer sein Loblied zu singen, bevor er am Ende doch noch das dörflich-friedliche Weite sucht:
Ein Lob dem Göttinger Fahrradfahrer!
Er weiß überall hinzukommen und das ganz ohne Abgase und Parkgebühren. Er bewegt sich viel in frischer Luft und das ganz ohne ärztliche Verordnung. Er hat Leistungsvermögen, Wellness und Mobilität auf seiner Seite, ist somit mehr als zeitgemäß. Er ist ein robust-dynamischer Kerl und eine durchtrainiert, handwerklich geschickte Frau noch dazu. Wer in Göttingen lebt und Fahrrad fährt, ist auf der stadt- und verkehrspolitisch gesunden Seite und muss von keinem revitalisiert werden. Wer in Göttingen lebt und nicht Fahrrad fährt, kann jederzeit die Seite wechseln. Als Verkehrsteilnehmer ist der Fahrradfahrer schlicht und einfach ein Stück bessere Welt. Eine Welt, in der das Gleichgewicht von Körper und Geist noch in Ordnung ist. Er lebe hoch, der Göttinger Fahrradfahrer!
Der ADFC-Göttingen (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) weiß es übrigens schon lange: Der Göttinger Fahrradfahrer ist nicht nur sportiv, er ist auch noch bildungshungrig. Ob Römer, Carl Friedrich Gauss, die Göttinger Schäfer oder Sterne, in Göttingen ist zumindest ein Fahrradfahrer garantiert interessiert, ermüdet nie und steht auch schon einmal früh auf, um mit dabei zu sein. Aber auch als Spätaufsteher sind die Göttinger Fahrradfahrer beim ADFC gefragt. Denn: Es sind die Radler Göttingen, die der Stadt zu ihrem einzigartigem Ambiente verhelfen. Anstatt uns vor ihnen zu retten sollten wir sie loben, loben und noch mehr loben.

