Vom Aussterben bedroht:
Göttingens liebenswerte Seitenlagen

von str

Inhabergeführte Geschäfte wie Sparenberg laden dazu ein, sich einmal in aller Ruhe beraten zu lassen
Inhabergeführte Geschäfte wie Sparenberg laden dazu ein, sich einmal in aller Ruhe beraten zu lassen. © kli

Die Mall ist da. Die Innenstadt ist weg. Göttingen schreibt das Jahr 2015. Ein Göttinger fragt den andern: Weißt Du noch? Es ist gar nicht so lange her, noch im Jahre 2005, da sind wir gerne abends durch die Seitenstraßen der Innenstadt gebummelt. Und nicht nur das? Wie war das doch schön, zusammen in der Stadt einzukaufen! So leer wie heute am Samstag waren die Straßen damals selbst in der Woche nie! Was es 2005 aber auch noch alles an Geschäften gab! Ich meine in den Seitenstraßen. Mit Namen, die es nirgendwo anders gab. Weißt du noch? Warum haben wir in all diesen Boutiquen und  kleinen Läden mit ihren einladenden Schaufenstern und Fassaden eigentlich nicht viel öfter auch einmal etwas gekauft? Warum erschien uns damals das Einkaufen im Center eigentlich immer so viel günstiger?

Idyllisch hinter hauseigenem Garten und Wall gelegen: Im Stammhaus der Familie Bremer finden Weinproben und Seminare statt
Idyllisch hinter hauseigenem Garten und Wall gelegen: Im Stammhaus der Familie Bremer finden Weinproben und Seminare statt. © str

Noch schreiben wir allerdings das Jahr 2005. Noch gibt es sie also: Die vielen, kleinen Geschäfte in den Göttinger Altstadt-Seitenlagen, die nirgends als in Göttingen namhaft sind: Mike Mascher – Schmuckdesign, folio – Papeterie, Traumtänzer – Der Drachenladen, Decoration Sparenberg, Friederike Lohrengel, La Tavola, Edgar Krickmeyer, Harlekin, La Marmite Provençale, Sperling, Bremer, Gauß, Piepers, La Scarpa, Eulenspiegel, VeloVoss, Buchhandlung Hertel, Käse-Boucoiran und wie sie alle heißen. Geschäfte mit einer ganz eigenen Qualität. Einer Qualität, die bekanntlich ganz zu Recht auch ihren Preis hat.

Noch gibt es sie, die Göttinger, die in den Fachgeschäften der Göttinger Altstadt so manch gutes Stück erworben haben: Sag einmal: Die Galerie Nottbohm, ist das nicht die, in deren Kunstpostkarten wir so gerne stöbern? Oder gar eine von Großmutters gemalten Aquarellen rahmen lassen? Und Hut-Busch, weißt Du noch, wie viel Spaß wir letztens hatten, als wir Dir Deinen Hut für besondere Gelegenheiten dort aussuchten? Ach ja, und der Raben-Laden, da haben wir manch Holzspielzeug entdeckt.

Wer sich von einem Fachwerkhaus zum anderen bewegt, sich an den kreativ dekorierten Schaufenstern und in all ihrer Schönheit instand gehaltenen Fassaden erfreut, wer ganz bewusst von draußen herein kommt in die Ladenwelt, wenn er ein Geschäft betritt und sich in ihm umschaut, der erlebt etwas, was in keiner Mall mehr möglich ist. Einen Event ganz eigener, ganz persönlicher Art.

Nicht nur manch Geschäft, auch manch Ladenschild, gibt es nirgendwo anders als in Göttingen
Nicht nur manch Geschäft, auch manch Ladenschild, gibt es nirgendwo anders als in Göttingen. © str

Wie gut also, dass in Göttingen die Stadt noch lebendig ist und so viele der kleinen Geschäftsinhaber sich bemühen, sowohl den Altstadtcharme zu wahren als auch modern und zeitgemäß aufzutreten. Wer möchte solch Ambiente endgültig und unwiderruflich gegen ein Shopping-Center eintauschen? Und läge die Mall noch so zentral, hätte Parkplätze gleich reichlich dabei, und das alles, samt Läden, bei denen natürlich keine Ketten-Branche fehlt, unter einem wetterfesten Dach! Möchten Sie etwa nur noch in künstlichem Licht, und so gar nicht mehr an der frischen Luft einkaufswandeln? Oder Du vielleicht? Nur weil all Deine Freunde Shopping-Center chic und modern finden?

Ist die Mall erst einmal da, ist in der Altstadt ansonsten nicht mehr viel los. Dann sind es die überall gegenwärtigen Ketten, bei denen jeder seine Schnäppchen schon gemacht hat, bevor er noch auf die Idee kommt, in den inzwischen viel zu abgelegenen Seitenstraßen auch noch Geld zu lassen. Douglas, Hugendubel, Aldi, Media-Markt, Saturn, H&M, Obi, Esprit, Nordsee, Kamps, Mac Donalds, Burger King, Rossmann, Schlecker, DM, Mc Paper und wie sie alle heißen, die Ketten, die jede Stadt und nicht nur Göttingen kennt.

Ja wahrlich: Es ist natürlich ganz etwas anderes, am Abend auszugehen ins älteste Renaissancehaus, Zum Schwarzen Bären, und dort wie einst Otto Hahn zu speisen, als sich und die Familie im Shopping-Center mit einem Asia- oder Pizza-Imbiss zwischen Einkaufstüten selbstzubedienen.

Hat Göttingen das verdient? Einkaufsverhältnisse wie in Amerika?

Passt denn das hierher? In unsere schöne Altstadt? Seit Jahrhunderten von einem Wall umgeben, der es so leicht macht, Einkaufsbummel und den Spaziergang durchs Grüne eins werden zu lassen?

Zum Schwarzen Bären: Hier, in einem der ältesten Renaissancebauten, war bereits Otto Hahn Stammgast.
Zum Schwarzen Bären: Hier, in einem der ältesten Renaissancebauten, war bereits Otto Hahn Stammgast. © kli

Ein Blick nach Siegen oder Bautzen genügt, um sich zu vergegenwärtigen, wie schnell ein Shopping-Center mitten im Zentrum der Stadt die alt eingesessene Geschäfts- und Haussubstanz erst angreift, und dann vollends ausrottet. Bereits 2004, bekam es jeder in einer Ausgabe des „Stern“ am Beispiel Siegen vor Augen geführt. Seit es das ECE-Center in der Siegener Unterstadt gibt, siecht die historische Oberstadt dahin. Ab und zu hängen nun Künstler Bilder in einige wenige der vielen leeren Schaufenster: „Mietfreie Spontangalerien, damit die Welt der einsamen Scheiben nicht gar so trostlos aussieht.“ (zitiert nach dem Stern vom 14. 10. 2004)

Was Göttingens Innenstadt da im Moment ganz vehement droht, ist eine massive Neuansiedlung von Großanbietern. Genauer gesagt: in der Planung sind bis zu 64.000 m2 als neu geplante Einzelhandelsflächen, die die bereits vorhandenen Flächen mehr als noch einmal verdoppeln würden. Wenn sich nur endlich einmal einer der politisch für die Stadt Verantwortlichen die Mühe machte, und sich alle, aber wirklich alle Stadtentwicklungen in der Innenstadt, von denen in diesem Jahr die Rede war, zusammen eine Lehre sein ließe! Kaufland baut bereits in der Innenstadt. Die nach GfK-Gutachten allein noch nicht ausreichend vorhandene Textilverkaufsfläche, ist auch bereits gesichert. Esprit bezieht zwei Häuser in der Groner Straße, dank einem Projektentwickler namens Comfort aus Düsseldorf. Und was kommt noch, was ist mit den im verkauften Sparkassengebäude geplanten Einzelhandelsverkaufsflächen? Und was ist mit den weiteren Plänen an der Groner Straße und vor allem mit den Plänen, die Stadtbadareal, Carré und Sparkassengebäude gemeinsam betreffen? Der „großen Lösung“, das heißt der Lösung, durch ein Shopping-Center einen Ort zu beleben, der bisher keineswegs das Zentrum des Göttinger Einkaufslebens darstellte, hängen noch immer viel zu viele der Göttinger Stadtpolitiker an. Das seit Generationen inhabergeführte, besondere und einzigartige Fachgeschäft: ist es also wahrhaftig im Jahre 2015 bereits nahezu ausgerottet?

Der Wall: eine gut Möglichkeit, Einkaufsbummel und Spaziergang im Grünen eins werden zu lassen.
Der Wall: eine gut Möglichkeit, Einkaufsbummel und Spaziergang im Grünen eins werden zu lassen. © kli

Es gibt im Moment einen Trend in die Innenstadt. Junge und Alte wohnen gerne zentral, wenn, wie in Göttingen noch gegeben, die Innenstadt nicht nur ein intaktes Einkaufsumfeld bietet, sondern zugleich ein Umfeld, das schön und grün ist. So war in dem gemeinsamen Workshop von Verwaltung, Politik und Einzelhandel am 14. Oktober zur Situation des früheren Reitstallgebietes durchaus auch die Rede davon, ob das Gebiet von Carré und Stadtbad sich nicht auch für ein Betreutes Wohnen und für die Schaffung von Parkplätzen anbiete. Schließlich grenzt ja nicht nur das bisherige Einkaufszentrum, sondern ebenso grenzen Leinekanal und Wall an das Gelände. Warum in Göttingen also nicht lieber schöner wohnen anstatt wie in Amerika überdacht einzukaufen? Warum der Bausünde Reitstall eine weitere hinzufügen?

Wenn wir uns bereits 2015 wirklich schon fragen müssen, wo unsere schöne, durch ihre historischen Bauten so liebenswerte Innenstadt eigentlich geblieben ist, dann ist eins sicher: Auch wohnen möchte niemand mehr in einem Zentrum, dem es an Leben fehlt und dessen Häuser leer stehen.