Göttinger Stadtpolitiker ...
Stirbt die Stadt?
von str
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| Im Göttinger Cheltenham House herrscht Leerstand. © kli |
Göttingen ist ein attraktiver Standort. So heißt es nach wie vor. Dennoch folgt ein Leerstand dem anderen. In der Passage des Cheltenham House, zentral gegenüber der alten Hauptpost gelegen, eilt der Passant an mit Laken, Packpapier oder Tapeten zugeklebten Schaufenstern vorbei. Die an den leer stehenden Geschäften klebenden Aufrufe: „Geschäftsräume frei“, „Büroräume zu vermieten“ werden zu einem bekannten Anblick. Ein Gang durch die Innenstadt beweist, fast keine Straße mehr ohne die eine oder andere Geschäftsaufgabe. Dies sollte manchen Göttinger wach rütteln: Hier geben teilweise Fachgeschäfte auf, in denen der Verkäufer noch den Kunden und der Kunde vom Verkäufer mehr als den Namensschildnamen kennt.
Wie in allen Städten sind es immer mehr auch in Göttingen die Filialisten, die Ketten und vor allem die Shopping-Center, die Fachgeschäfte verdrängen, die über Generationen von einer Familie geführt werden und damit mit Göttingen verbunden sind. Noch vor ein paar Jahren war allen Bürgern die Buchhandlung „Peppmüller“ ein ganz eigener Begriff. Kann eine Kette wie „Hugendubel“ eine gleichwertige Bindung schaffen?
Wer ist ECE?
Den Ottoversand kennt jeder. Per Katalog kommt er ins Haus und verspricht dem Konsumenten einen Einkauf frei Haus.
Doch wer kennt ECE, den Nachkömmling des Ottoversands Hamburg?
Amerikanische Shopping - Center - Verhältnisse auch in Deutschland zu kopieren, das war 1965 die Idee von Otto Werner, als er in Hamburg sein Unternehmen aufbaute, das noch heute Shopping - Center als Standort- und Kaufkraftstärker der Innenstädte vermarktet. Sein Unternehmen, das Einkaufs - Center - Entwicklungs - Projektmanagement, kurz ECE genannt, gilt mittlerweile mit einem Jahresumsatz von 8,4 Milliarden auf dem Gebiet der Shopping - Center - Realisierung als Marktführer Europas. Es sind ECE-Projekte wie der Leipziger Bahnhof, mit denen sich ECE seinen Namen und auch seinen Ruf schafft, mit profitablen Vorzeigecentern aufzuwarten.
Und was wird da im Moment auf dem ehemaligen Lünemanngelände gebaut? Ein Kaufland-Warenhaus, das Schild verkündet es groß genug. Gerade erst hat sich auch der Kaufpark, das Göttinger Shopping-Center auf der grünen Wiese, vergrößert. Seit Februar 2005 liegt der Stadt zudem ein Gutachten des Nürnberger GfK Prisma Institutes vor, das die „Etablierung eines auch überregional bedeutsamen Shopping-Centers ab einer Verkaufsfläche von 20.000 Quadratmetern“ empfiehlt, weil „dessen Ausstrahlung in die gesamte Region auch zusätzliche Kaufkraftzuflüsse für den Einzelhandel generieren und somit die Einzelhandelszentralität nachweisbar“ zu steigern vermöchte.
Und was meinen die Stadtpolitiker dazu?
Aufregung gab es deshalb schon genug in Göttingen. Bereits letztes Jahr war in den Göttinger Printmedien die Rede davon, dass ECE seine Fühler nach dem mitten im Stadtzentrum brachliegenden Stadtbad-Areal ausgestreckt hätte. Zwar beruhigten sich die Gemüter, als sich die Parteien eindeutig gegen den Bau eines ECE Shopping-Centers auf dem Gelände aussprachen und stattdessen von einem städtebaulichen Wettbewerb oder einem runden Tisch die Rede war. Aber unserer Redaktion liegen Hinweise vor, dass die Verwaltung und Politiker der CDU und der SPD noch immer auf ein solches ECE-Projekt in der Innenstadt spekulieren. Kommt ein ECE-Center nun also doch noch, sozusagen durch die Hintertür, nach Göttingen? Wollen wir das wirklich? Wir, die in Göttingen leben? Wenn Läden leer stehen, füllen sie sich denn dadurch wieder mit Ware, dass direkt neben ihnen noch mehr Verkaufsfläche mit noch mehr Läden geschaffen wird?
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| Das Stadtbadareal harrt noch einer ungewissen Zukunft entgegen. © kli |
Ob den Stadtpolitikern klar ist, dass das GfK-Gutachten weder die Kaufparkvergrößerung noch das im Bau befindliche „Kaufland“ einbezieht und die steigenden Internetumsätze ignoriert? Wie kommt es, dass Politiker, und das nicht nur in Göttingen, nicht über den eigenen Stadtrand hinweg schauen können? Und dass Gutachten der GfK-Prisma, einem Institut, das immer wieder und gerne im Auftrag von ECE arbeitet, als realer angesehen werden als die viel anschaulichere Tatsache, wie ECE-Zentren die Fußgängerzonen in anderen Städten leersaugen? Dramatische Beispiele gibt es in Siegen, Bautzen, Bayreuth und Kempten.

