Göttinger Stadtpolitiker ...
Welche Rolle spielt ECE? Ist es wirklich die Lösung?
Die Göttinger Kaufkraft: Nichts als Zahlen?
Die Kaufkraft einer Stadt wird durch Zahlen bestimmt, die sich zum Beispiel Zentraltiätskennziffer oder auch Umsatzkennziffer nennen. Einzelhandelszentralitätskennziffern belegen mit Zahlen von fast 140 % für Göttingen vor allem, wenn es um Kleidung und Schuhe geht, eine hohe Kaufkraft.
Womit nichts anderes gesagt ist, als dass die Göttinger selbst ihre Schuhe und Textilien noch immer lieber in der Göttinger Innenstadt als anderswo kaufen und dass auch die Menschen aus dem Umland extra aus den Dörfern in die Göttinger Altstadt kommen, um sich einzukleiden.
Die Umsatzkennziffer, Angaben für Göttingen liegen durchaus über 130%, berechnet den Umsatz des lokalen Einzelhandels pro Kopf der ortsansässigen Bevölkerung eines Jahres.
Je nach Institut, das die Zahlen ermittelt hat, fallen die Kennziffern durchaus unterschiedlich aus.
ECE prognostiziert vielen deutschen Mittelstädten einen Kaufkraftzuwachs und eine Standortstärkung, es gäbe überall im Umland noch ungenutzte Umsatzpotentiale. Es sind nicht nur die Stadtpolitiker Göttingens, die da schnell hellhörig werden, und so kommt es zu Allianzen. In Hameln und Braunschweig weisen Bürgerinitiativen nach, dass der Entscheidung für ein ECE-Center dabei nur pro forma die Bedürfnisse der Einwohner, von denen ja ohnehin bekannt sei, dass ihnen Einkaufen im Center Spaß macht, zugrunde liegen. Wirklich gefragt worden sind diese nie. Über die Rolle, die ECE und seine Argumente in der Innenstadtpolitik deutscher Städte spielt, berichtete der Göttinger Brief bereits ausführlich (s. Internet). Es sind vor allem die Argumente der Kaufkraft, die im Kopf der Politiker eine Realität erzeugen, die da heißt: Mit Shopping-Centern à la ECE ist unsere Stadt wer. Nur, wenn jede Stadt ihr Shopping-Center und in diesem den gleichen Mix aus den gleichen Ketten hat, dann ist sie damit am Ende nicht mehr und nicht weniger als jede andere deutsche Stadt auch.
Sicher: An Daten und Fakten kommt ein Gutachten nicht vorbei. Aber Daten lassen sich bekanntlich ganz unterschiedlich interpretieren und Zukunftsprognosen sind Meinungen und keineswegs Tatsachen.
Was Göttingen betrifft, gibt es von Instituten wie Prisma oder auch Cima Berechnungen und Zahlen wie zum Beispiel eine Zentralitätskennziffer von 140, die somit 40 % über dem Bundesdurchschnitt liegt, nach denen Göttingen eine Kaufkraft besitzt, die kaum noch etwas zu wünschen übrig zu lassen scheint. Mit solch nüchtern-mathematischen Zahlenverhältnissen wird Göttingen den bundesweit arbeitenden Centern schmackhaft gemacht. Gerade ein Riese wie ECE interessiert sich für solch ein „Schlaraffenland“ im Bereich des Einzelhandels sehr. Ist das Center dann jedoch erst einmal in der Stadt, interessieren nur noch die eigenen Einnahmen, die im Falle von ECE nach Hamburg abwandern. Mit seinen Parkplätzen und seinem Branchenmix schafft sich das Center nämlich seine eigene Zentralität und benötigt die übrige Innenstadt nicht mehr. Die bunte Vielfalt der Seitenstraßen hat dann auch keine Chance. Die Stadt kostet ein Shopping-Center zudem Arbeitsplätze. Nach einer Schätzung des renommierten Pestel Instituts in Hannover verlöre eine Stadt wie Göttingen etwa 500 Arbeitsplätze.
Eine weitere Ironie liegt in der Tatsache, dass Einkaufszentren, wie zum Beispiel bereits das Carré, das vor kurzem an einen Fond (SHB) verkauft wurde, so genannte Steuersparmodelle sind. Was am Ende nichts anderes bedeutet, als dass Spitzenverdienern eine Steuerersparnis ermöglicht wird, während die bisher gute Steuern zahlenden Händler ihre Existenz verlieren. Die Umverteilung funktioniert auch hier bestens.
Ist solch eine Umverteilung zu Lasten der kleinen Läden und ihrem vielfältigen Angebot gewollt?
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| Auch hier entsteht bereits ein neues "Kaufland" in Göttingen. © kli |
Es scheinen vor allem Politiker der CDU und der SPD zu sein, die sich eine solche wünschen und meinen, auf diese Weise zu verhindern, dass sich Göttingen von anderen Städten ausbooten lässt oder gar als hinterwäldlerisch im Denken erweise.
Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Gerade die gewachsenen Fachwerkinnenstädte sind es, die die Touristen in unsere Städte ziehen. Und das heißt doch wohl, dass Göttingen weiter auf seine bereits bestehende Innenstadtstruktur, auf seine Fachwerkschönheiten und Traditionsgeschäfte vertrauen sollte. Denn: Noch besteht die Chance, den zunehmenden Leerständen in der Stadt mit Eigenem entgegen zu wirken. Anstatt auf eine am Ende nichts als nur eigennützige Professionalität und Fortschrittlichkeit von Außen zu setzen, sollte sich Göttingen lieber auf das besinnen, was es auszeichnet, auf die Kompetenzen der Menschen, die in der Stadt leben, auf das, was an Innovationen und Kreativität und auch an Professionalität in denen steckt, die sich in Göttingen zu Hause fühlen.
Es sind vor allem die Politiker, die sich für ihre bis heute noch immer intakte Innenstadt und deren Geschäfte verantwortlich fühlen sollten. Aber es sind nicht nur sie allein. Jeder von uns, der es liebt, durch die Göttinger Innenstadt zu bummeln, der in ihr lebt oder arbeitet, jeder, der seine Einkäufe nicht nur einem Shopping-Center-Erlebnis verdanken möchte, ist ebenso gefragt. Jeder Göttinger hat letztendlich einen Anteil an der Göttinger Innenstadtpolitik, und sei er auch noch so klein.
