Das Ich als AG: besser arbeitslos?!
von str
Die Ich-AG: ein Resümee in Zahlen
- Hoffnung der Regierung: 500.000 Gründungen pro Jahr
- August 2005: von 240.000 aller bisher geförderten Ich-AG’s werden 95.000 bereits nicht mehr gefördert, das ist nach nur 2 ½ Jahren bereits ein Ausfall von 40 %. (Quelle: BA)
- Gründungszuschüsse: im ersten Jahr pro Monat 600 €, im zweiten 360 € und im dritten 240 €, nicht für ALG II-Bezieher
- monatlich zu leistende Versicherungspflicht: Rentenversicherung: etwa 235, 46 €, Krankenversicherung: etwa 181, 12 €, Pflegeversicherung: 20, 52 €, also insgesamt bereits über 400 €!!! Selbst von den 600 € des ersten Jahres bleiben weit unter 200 € pro Monat übrig.
- Und was ist mit der Umsatzsteuer, der Miete und dem, was der Ich-AGler pro Monat selbst zum Leben braucht, und, und, und? Ein Finanzierungsplan muss her!!! Denn sonst schnappt die Schuldenfalle zu!
- 10 € und mehr? Existenzgründerseminare sind eine unabdingbare Beratungshilfe, aber auch nicht umsonst zu haben!
- Erneute Förderung eines Existenzgründers: erst nach 24 Monaten wieder möglich
40 % der seit 2003 gegründeten Ich-AGs haben nach Angaben der BA ihre gewerbliche Tätigkeit wieder eingestellt. Damit erweist sich die Erfolgsquote der Ich-AG als sehr viel niedriger als die des Überbrückungsgeldes. Die individuelle Förderungsdauer sowie die Rechtsgrundlagen und Motive für die Auflösung einer Ich-AG werden von der BA allerdings nicht erfasst.
Wer zur Ich-AG als einzig noch möglich scheinende Alternative zur Arbeitslosigkeit und letzte Perspektive der Perspektivlosigkeit greift, sollte sich das, was er da tut, noch einmal gründlich überlegen. Torschusspanik ist jedenfalls kein guter Ratgeber. Wer mit einer Ich-AG überleben will, muss sofort am Markt mit einem Gewinn arbeiten, der nicht allein von heute auf morgen, sondern Monat für Monat sicher verdient ist. Eine Ich-AG, die von der Hand in den Mund arbeitet und lebt, steht noch vor Ablauf der drei Förderjahre mit einer noch schlechteren Arbeits- und Finanzlage als vor der Förderung da. Psychisch das erneute Versagen im Kopf und finanziell mit hohen Schulden belastet, kommt kaum noch ein Ich auf die Beine und zu neuer Zuversicht.
Schon 2002 hat die Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. gemeint, die Ich-AG übertünche soziale Schieflagen. Tatsächlich haben Arbeitgeber versucht ihre Angestellten als Ich-AG scheinselbständig arbeiten zu lassen. Von Andreas Graf von Arnim, dem Vorstandsvorsitzenden der Berliner Verkehrsbetriebe, stammt der Vorschlag, die Busfahrer zu entlassen, als Ich-AG wieder einzustellen und ihnen dann die Busse zu verkaufen.
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| Einst Arbeitsamt, heute BA: Erste Anlaufstelle für Göttinger Arbeitslose. © kli |
Hat die Union also Recht, die Ich-AG wieder abschaffen zu wollen, noch bevor überhaupt ein einziger Ich-AGler drei Jahre gefördert worden ist? Oder bietet die Ich-AG nicht doch manch GründerIn mit Lust auf eine neue Chance, die sonst verpasst würde, eine Alternative zum Überbrückungsgeld? Eins ist sicher: Sich zu regen bringt durchaus Segen und Mut zur Originalität oder auch zu manch Nische hat schon manch eine oder einen reicher als gedacht gemacht. Das Ich als AG, ein Förderungsprogramm, als Unwort des Jahres in Verruf, ehe es startete: noch kann es konzeptbewusste statt kopflose Ideen am Markt erproben. So stellt eine Spiegelreportage drei noch immer positiv gestimmte Ich-AGler vor , darunter eine Frau, deren Senfkreationen ihren Markt gefunden haben.
Sind die Gründerzeiten auch vorbei. Sitzt das Geld auch nirgends mehr locker, weil niemand mehr aus purer Freude an der Sache Geld ausgeben möchte. Ist der Wille allein auch mehr denn je ein schlechter Arbeitgeber. Es sind dennoch gute, zugleich originelle und bodenständige Ideen, die noch immer sehr viel wert sind und wer sich nicht scheut und mit Verstand handelt, hat gerade in der Wirtschaftskrise noch seine Chance. Wichtig ist und bleibt es, sich auf die eigene Selbständigkeit in all ihren Aspekten erst einmal gut vorzubereiten. Außer der IHK hilft in Göttingen die Beratungsstelle Mobil Existenzgründern aktiv weiter. Mobil bietet z.B. Existenzgründerseminare an, in denen Hausaufgaben, wie die, schon einmal 50 konkrete Kunden aufzutreiben, eine Rolle spielen und dafür sorgen, dass der Existenzgründer seine Idee an der Realität abtestet. Denn: Was gefragt ist, sind Neugründungen statt Notgründungen.
