Das Ich als AG: besser arbeitslos?!
von str
Versuch ich’s halt mal. Wie viele Arbeitslose sich das wohl seit Anfang 2003 gedacht haben mögen? Und inzwischen ist aus ihnen allen gewiss ein erfolgreiches Unternehmen geworden. Oder sollte es sich hier noch immer um lauter Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft, aber ohne berufliche Perspektive handeln, und wenn, warum ist das so und woran liegt das eigentlich?
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| IHK: Hier kennt man sich aus mit Existenzgründungen. © kli |
Der erste Auftrag. Der erste Kunde. Die Ich-AG macht sich auf den Weg. Mit dem Fahrrad, für das Auto ist noch kein Geld da. Die Ich-AG verfährt sich, es nieselt leicht, schaut noch einmal auf den Stadtplan: Ach ja, dort hinten, noch hinter dem Industriegebiet, dort liegt also der Schrebergarten des ersten Anrufers. Samstag war die Kleinanzeige in der Zeitung, und erst jetzt, Montag, hat sich der erste Interessent gemeldet. Er hätte da einen Schrebergarten und einfach nicht die Zeit sich drum zu kümmern. Erst im Schrebergarten wird sich dann herausstellen, dass es an Gartengeräten fehlt. Die Ich-AG wird wegen unzureichender Transportfläche mehrmals losradeln und für ein paar Euro einkaufen, was dann bereits den ersten Tag kaputt geht.
So hatte sich das Ich die eigene AG bestimmt nicht vorgestellt. Hatte es sich vorab überhaupt genauere Gedanken über notwendige Ausgaben und Einnahmen, über das berühmt-berüchtigte Zeitmanagement, die bestehende Konkurrenz vor Ort und die eigenen Möglichkeiten und Grenzen gemacht? Wäre das denn nötig gewesen? Alle waren sich ja mehr als sicher gewesen: Du hilfst doch ständig überall aus, du mit deinen zwei rechten Händen, mit deinem handwerklichen Geschick, du wirst ja nun wirklich überall gebraucht! Gerade heutzutage, wo die, die noch Arbeit haben, zu nichts anderem mehr kommen, als zu Arbeit und Geld. Na, hör mal, ist doch ganz klar, dass du eine Ich-AG gründest! Nur eine einzige kostengünstige Anzeige und schon wird das Telefon am laufenden Band bimmeln! Kunden und Arbeit hast du also auf jeden Fall und das gleich ab sofort und alles andere wird sich dann schon finden. Es gibt ja ein ganzes Jahr lang die 600 Euro vom Arbeitsamt, und auch die nächsten zwei Jahre noch Geld dazu. Das ist allemal besser als arbeitslos zu sein. Und wo du ja nun wirklich keiner von denen bist, die sich auf die faule Haut legen! Ganz im Gegenteil!
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| Die Ich-AG: Mehr als ein Schild? © kli |
Dass es bei den Kleinzeigen nur so von Leuten wimmelte, die ihre Dienste in Haus und Garten anbieten, das hatte dem Arbeitslosen leider keiner erzählt, so gut sie alle es mit ihm gemeint hatten. Nun, wer selbst nicht arbeitslos ist, hat eben gut raten und reden, aber kaum den notwendigen Durchblick. Nicht jeder, der will, wird schon. So einfach geht das auch bei einer Ich-AG nicht. Ein derartiger Hausmeisterservice sei eine der häufigsten Gründerideen, mit denen die zukünftigen Ich-AGler zu ihm kämen. Joachim Grube von der Geschäftsstelle der IHK Göttingen (Industrie- und Handelskammer) weiß da schon besser Bescheid. Seit Herbst letzten Jahres muss jede Ich-AG einen Businessplan vorlegen. Das soll verhindern, dass Arbeitslose unüberlegt und kopflos eine Ich-AG gründen. Seit Ende letzten Jahres wird nicht mehr vorbehaltlos jede Idee und jede Ich-AG gefördert. Ein geschickter Handwerker mit Fahrrad, wird erst zur AG, wenn er sich über so etwas wie Liquidiät, Konkurrenz vor Ort und Kapitalbedarf nicht nur Gedanken gemacht hat, sondern diese auch verschriftlicht vorzuweisen vermag. Schnell hat die BA (Bundesagentur für Arbeit) die Aufgabe, einen derartigen Geschäftsplan zusammen mit dem jeweiligen Arbeitslosen zu erarbeiten, an die IHK und andere fachkundige Stellen abgegeben. Der Ich-AG-Klientel fehle es nicht nur an kaufmännischen Kenntnissen, sondern ebenso oft an der Einsicht, dass solche notwendig seien. Eine Feststellung, die manch der professionellen Existenzgründungsberater jetzt kundtut.
Die Ich-AG: ein Resümee in Zahlen
- Hoffnung der Regierung: 500.000 Gründungen pro Jahr
- August 2005: von 240.000 aller bisher geförderten Ich-AG’s werden 95.000 bereits nicht mehr gefördert, das ist nach nur 2 ½ Jahren bereits ein Ausfall von 40 %. (Quelle: BA)
- Gründungszuschüsse: im ersten Jahr pro Monat 600 €, im zweiten 360 € und im dritten 240 €, nicht für ALG II-Bezieher
- monatlich zu leistende Versicherungspflicht: Rentenversicherung: etwa 235, 46 €, Krankenversicherung: etwa 181, 12 €, Pflegeversicherung: 20, 52 €, also insgesamt bereits über 400 €!!! Selbst von den 600 € des ersten Jahres bleiben weit unter 200 € pro Monat übrig.
- Und was ist mit der Umsatzsteuer, der Miete und dem, was der Ich-AGler pro Monat selbst zum Leben braucht, und, und, und? Ein Finanzierungsplan muss her!!! Denn sonst schnappt die Schuldenfalle zu!
- 10 € und mehr? Existenzgründerseminare sind eine unabdingbare Beratungshilfe, aber auch nicht umsonst zu haben!
- Erneute Förderung eines Existenzgründers: erst nach 24 Monaten wieder möglich
40 % der seit 2003 gegründeten Ich-AGs haben nach Angaben der BA ihre gewerbliche Tätigkeit wieder eingestellt. Damit erweist sich die Erfolgsquote der Ich-AG als sehr viel niedriger als die des Überbrückungsgeldes. Die individuelle Förderungsdauer sowie die Rechtsgrundlagen und Motive für die Auflösung einer Ich-AG werden von der BA allerdings nicht erfasst.
Wer zur Ich-AG als einzig noch möglich scheinende Alternative zur Arbeitslosigkeit und letzte Perspektive der Perspektivlosigkeit greift, sollte sich das, was er da tut, noch einmal gründlich überlegen. Torschusspanik ist jedenfalls kein guter Ratgeber. Wer mit einer Ich-AG überleben will, muss sofort am Markt mit einem Gewinn arbeiten, der nicht allein von heute auf morgen, sondern Monat für Monat sicher verdient ist. Eine Ich-AG, die von der Hand in den Mund arbeitet und lebt, steht noch vor Ablauf der drei Förderjahre mit einer noch schlechteren Arbeits- und Finanzlage als vor der Förderung da. Psychisch das erneute Versagen im Kopf und finanziell mit hohen Schulden belastet, kommt kaum noch ein Ich auf die Beine und zu neuer Zuversicht.
Schon 2002 hat die Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. gemeint, die Ich-AG übertünche soziale Schieflagen. Tatsächlich haben Arbeitgeber versucht ihre Angestellten als Ich-AG scheinselbständig arbeiten zu lassen. Von Andreas Graf von Arnim, dem Vorstandsvorsitzenden der Berliner Verkehrsbetriebe, stammt der Vorschlag, die Busfahrer zu entlassen, als Ich-AG wieder einzustellen und ihnen dann die Busse zu verkaufen.
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| Einst Arbeitsamt, heute BA: Erste Anlaufstelle für Göttinger Arbeitslose. © kli |
Hat die Union also Recht, die Ich-AG wieder abschaffen zu wollen, noch bevor überhaupt ein einziger Ich-AGler drei Jahre gefördert worden ist? Oder bietet die Ich-AG nicht doch manch GründerIn mit Lust auf eine neue Chance, die sonst verpasst würde, eine Alternative zum Überbrückungsgeld? Eins ist sicher: Sich zu regen bringt durchaus Segen und Mut zur Originalität oder auch zu manch Nische hat schon manch eine oder einen reicher als gedacht gemacht. Das Ich als AG, ein Förderungsprogramm, als Unwort des Jahres in Verruf, ehe es startete: noch kann es konzeptbewusste statt kopflose Ideen am Markt erproben. So stellt eine Spiegelreportage drei noch immer positiv gestimmte Ich-AGler vor , darunter eine Frau, deren Senfkreationen ihren Markt gefunden haben.
Sind die Gründerzeiten auch vorbei. Sitzt das Geld auch nirgends mehr locker, weil niemand mehr aus purer Freude an der Sache Geld ausgeben möchte. Ist der Wille allein auch mehr denn je ein schlechter Arbeitgeber. Es sind dennoch gute, zugleich originelle und bodenständige Ideen, die noch immer sehr viel wert sind und wer sich nicht scheut und mit Verstand handelt, hat gerade in der Wirtschaftskrise noch seine Chance. Wichtig ist und bleibt es, sich auf die eigene Selbständigkeit in all ihren Aspekten erst einmal gut vorzubereiten. Außer der IHK hilft in Göttingen die Beratungsstelle Mobil Existenzgründern aktiv weiter. Mobil bietet z.B. Existenzgründerseminare an, in denen Hausaufgaben, wie die, schon einmal 50 konkrete Kunden aufzutreiben, eine Rolle spielen und dafür sorgen, dass der Existenzgründer seine Idee an der Realität abtestet. Denn: Was gefragt ist, sind Neugründungen statt Notgründungen.


