Die Jahrtausendflut: nach Jahren noch aktuell oder bereits im nächsten Jahr vorbei und vergessen?
von str
|
| In der Flut versunkenes Boot. |
Erst zwei Jahre ist es her. Im August 2002 war es. Da gab es auch in unserem Lande eine Naturkatastrophe. Eine, die viel weniger Menschen ins Unglück stürzte, als die, die zum Jahreswechsel 2004/2005 Trauer, Entsetzen und Hilfsaktionen auslöste. Und doch, auch im August 2002 war sehr schnell die Rede von einer Jahrtausendflut.
Erdbeben, Vulkanausbrüche, die Gewalt von Tornados: was wir da in den Medien an Naturgewalt und Menschenschicksalen erleben, findet meist fernab des eigenen Landes statt. Wir selbst sitzen im Trockenen, in unserer warmen Stube, während anderswo Menschen mit allem, was ihnen lieb und teuer ist, baden gehen.
Im August 2002 war das anders. Die Bilder, die die Medien zeigten, spielten direkt vor unserer Haustür. Wer Elbe nah wohnte, musste fürchten, von den medialen Beobachtern zur Seite der konkret Betroffenen zu wechseln. In ganz Deutschland beherrschte ein einziges Thema alle Kanäle und Printerzeugnisse: die Jahrtausendflut! Sie war in aller Munde. Sie wirkte sich auf den Wahlkampf aus. Sie trieb Politiker und Bürger zu Hilfsaktionen, Zivilisations- und Klimadebatten an. Sie hatte das große Sagen und wusste sich vor Schrecken und Aufregung kaum zu bändigen und anderen Themen und Ländern zuzuwenden.
![]() |
| Heute haben wir die Opfer der Flut vor Augen, und morgen? |
Wer nun im August 2004 in Dresden, in Pirna oder einer anderen der damals überfluteten Städten war, den erinnerten vor allem die Flutmarken an das damalige Medienereignis einer „Jahrtausendflut“. Wer zu Hause, fern der Elbe, am Fernseher saß, der hatte mit „Hartz IV“, diesem Unwort des Jahres, so viel zu tun, dass er wohl kaum noch einer Naturkatastrophe nachhing, die nun schon zwei Jahre zurücklag. Und die Elbe führte nur wenig Wasser in diesem Jahr, schien gebändigt und ruhig. Was sich also jetzt noch aufregen? Vor allem, da doch auch die Anwohner schon wieder nah am Elbufer bauen? Warum denn auch nicht? Eine Jahrtausendflut ist eben eine Jahrtausendflut und die nächsten tausend Jahre, die sind länger als unser aller Leben.
Über 200.000 Tote gab es am 26. Dezember 2004 in Südostasien, als meterhohe Flutwellen nach einem gewaltigen Erdbeben die Küsten verwüsteten. In der diesjährigen Katastrophenregion befanden sich auch zahlreiche deutsche Urlauber.
Wieder eine Jahrtausendflut. Eine mit Ausmaßen, die jedes Vorstellungsvermögen in schrecklicher Weise überfordert. Eine, die uns alle aufrührt. Eine, die in den Medien und bei den Neujahrsreden an erster Stelle steht und stehen muss, uns allen über die eigenen Betroffenheiten, über Hartz IV und sogar über das Thema Terrorismus geht.
Link-Tipp
Und doch sollte gerade aus solch Betroffenheit heraus eine über deren Gegenwärtigkeit hinausgehende Frage möglich sein:
Sind es wohl immer nur die aktuellen Sensationen und Ereignisse, die uns bewegen und auf die wir reagieren? Die unser Handeln und Denken bestimmen? Wer von uns ist denn wohl heute noch damit beschäftigt, das, was 2002 passierte, seine Hintergründe, Zusammenhänge und die daraus erwachsenden zukünftigen Handlungsweisen und Klima- und Zivilisationsverhältnisse zu bedenken? Wer von uns wird in zwei Jahren seine eigenen Betroffenheiten noch immer aufgrund einer Naturkatastrophe relativieren, deren fürchterliche Präsenz in den Medien höchstwahrscheinlich schon lange von ganz anderen Ereignissen verdrängt worden sein wird?
