Politik

Göttinger Wahlkampf …

Ersetzen Luftballons die Politik?

von str

Ersetzen Luftballons die Politik?
Ersetzen Luftballons die Politik? © kli

Samstag, der 27. August, auf dem Göttinger Marktplatz: Da stehen sie in scheinbar so trauter Nachbarschaft, die Wahlstände, Tisch an Tisch, Partei neben Partei. Ein trügerischer Frieden. Wann hätten die Parteien denn je Frieden miteinander gehalten. Rhetorisch heißt es, das eigene Parteienprogramm hochhalten, das des anderen nieder. Und ist am Ende auch ein Programm wie das andere, weil alle Parteienpolitiker marktwirtschaftlich wie rhetorisch an den gleichen Systemvorstellungen geschult wurden, wer einer bestimmten Partei zugehört, will das bestimmt nicht wahrhaben. Denn: Seine Partei ist die mit Zukunft und an anderen Parteien nur im Falle eines Bündnisses interessiert. Auch hier, gegenüber dem Alten Göttinger Rathaus, ist das nicht anders. Die eigene Wählerwerbung setzt da erst einmal auf die Kinder, denen ja bekanntlich die Zukunft gehören wird. So sind es vor allem die Luftballons, die unbeschwert Farbe bekennen. Denen, die da in ihren farbigen Partei-T-Shirts hinter, vor und bei den Tischen stehen, fällt das schon schwerer. So einfach lässt sich der Wähler nicht mehr mit den üblichen redensartlichen Binsenweisheiten, mit nichts als heißer Luft abspeisen.

Es ist Samstag. Bei ihrem Wochenendshopping hetzen die Wähler mit und ohne Kind an den Ständen vorbei. Wer möchte sich schon auf mehr als einen Luftballon einlassen, gar auf eine Vertrauensfrage. Nun gut, Herr Schröder, der Bundeskanzler, das hat ja nun wirklich der letzte Wähler mitbekommen. Damit hat er uns ja erst diesen außerordentlich anberaumten Septemberwahlkampf eingebrockt, und sich selbst eine fragwürdige Wiederwahl. Ob Schröder wohl trotz der in seiner Regierungszeit gestiegenen Arbeitslosigkeit, trotz Hartz IV-Pleite wieder gewählt wird? Die da hinter den Tischen kommen uns bestimmt lieber politisch vage statt persönlich konkret. Politiker strengen sich ja immer enorm an, bloß keinen Ich-Standpunkt zu beziehen. Nicht der einzelne Mensch handelt und bezieht Position, sondern die Partei, also ein Abstraktum. Mit Man-Aussagen wie: „Aber dennoch, sowie man alles gegeneinander abwägt, wird sich doch die affirmative Handlung meiner Ansicht nach als ein immerhin eingeschränkter Erfolg für die Partei erweisen“ haben sich die Politiker bei den Wählern nicht gerade beliebt gemacht. Aus dem Wählen dürfen ist längst ein Wählen müssen geworden. Vielen der Wähler ist schon lange keine Partei mehr glaubwürdig. Alle wissen sie systemtheoretisch und wirtschaftstheoretisch Bescheid und können darlegen, wie die Arbeitslosigkeit und die Staatsschulden sich bei den und den Maßnahmen verhalten werden. Der arbeitslose und verschuldete Mensch mag direkt vor ihnen stehen und von sich selbst erzählen, sie werden dennoch in übergeordneten Begriffen theoretisieren. Es sei denn ein Göttinger Kind fragt nach einem roten Luftballon: „Den bekommst du da drüben am Stand. Siehst du? Hier bei uns gibt es keinen roten Luftballon. Tut mir leid.“

Zum Verwechseln ähnlich: Greenpeace demonstriert mit schwarz-gelb und in Blau neben dem gelb-blauen FDP-Stand
Zum Verwechseln ähnlich: Greenpeace demonstriert mit schwarz-gelb und in Blau neben dem gelb-blauen FDP-Stand. © kli

Ein Drittel der Wähler haben keine Ahnung, was oder wen sie am 18. September wählen sollen. Nimmt es wunder? Gehört zu diesem Drittel gar der ein oder andere Göttinger, der an den Wahlständen hofft, erneut Vertrauen in eine der Parteien zu gewinnen? Wie wär’s mit einer Frau als Bundeskanzlerin? Die eine oder andere in die Jahre gekommene Göttinger Feministin der Siebziger könnte versuchen, am CDU-Stand über Frauenpolitik zu streiten. Sie lässt es aber lieber, genauso wie der ebenfalls in die Jahre gekommene Rentner, der allzu gerne am SPD-Stand gerade über seine eigene Rente mehr erfahren hätte. Die Stimmung und das, was an Sprüchen, genau wie die Luftballons, mit nichts als heißer Luft aufgeblasen worden ist, lassen es nicht zu. Es ist Samstag. Um die Tische der Parteien herrscht inzwischen ein Leben, als handle es sich um Bratwurststände. Es sind nur wenige, die unter Politik etwas anderes verstehen, als die mit der richtigen Parteifarbe versehene Luftballons, Fähnchen und T-Shirts. So mag sich die eine oder der andere schon einmal vertan haben. Nicht alles, was sich gelb und blau gibt, gehört zum FDP-Stand (siehe Foto). Das rege Treiben auf dem Marktplatz hat nur am Rande mit dem Wahlkampf zu tun. Und wer einen Wahlkampf betreibt, setzt höchstens zu 10 % auf die politischen Inhalte. Zu 90 % ist es bekanntlich allein der optische Eindruck, der jemanden für einen anderen und sei es eine Partei einnimmt. Also warum überhaupt noch Inhalte erzeugen? Wozu erarbeiten die Parteien eigentlich ihre schwergewichtigen, seitenlangen Programme? Wozu all die Theorie ohne Leben und Anschaulichkeit? Auch nur für den optischen Eindruck? Wenn dem so ist, lässt sich gut verstehen, warum die Parteienwerbung so viel lieber zu den leichtgewichtigen Luftballons greift.