Ein Splitter im evangelischen Auge
Wozu brauche ich die Kirche?
von kli
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| Wozu brauche ich die Kirche? © kli |
Viele waren zu der Beerdigung gekommen, doch der starke Regen machte es der Trauergemeinde schwer. Einige mussten deswegen vorzeitig ihre Teilnahme abbrechen. Das wäre leicht zu verhindern gewesen, denn die Friedhofskapelle war nahe und der Pfarrer hatte den Schlüssel dazu in der Tasche. Es gab nur ein Problem. Eines, das in diesen Kreisen keins hätte sein sollen: Die Verstorbene war arm. Sie lebte von der Sozialhilfe.
Für solche "Kunden" rechnet es sich nicht, bei deren Beerdigung eine Kapelle aufzuschließen. Also verharrten die körperlich weniger Gebrechlichen im strömenden Regen, während die Anderen erschöpft aufgaben und ohne gebührenden Abschied und Trost den Ort des Geschehens verließen. So traurig sah der Abschied von einer langjährigen ehrenamtlichen Küsterin aus.
Da nützt es wenig, im Nachhinein zu erfahren, dass die Kapelle gegen eine Gebühr von 20 Euro hätte aufgeschlossen werden können. Denn das wusste vorher niemand, und der Pfarrer hatte es nicht angesprochen. Dieser überschaubare Betrag wäre sicherlich schnell zusammen gelegt gewesen. Eine Rüge muss also an die Adresse des Pfarrers gehen. Darüber hinaus fragt man sich aber, ob so eine Gebühr überhaupt nötig oder angemessen ist.
Es gibt kaum eine Institution auf der Welt, die mehr den Anspruch darauf erhebt, eine Solidargemeinschaft zu sein, als die Kirche. Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Fürsorge gehören zu ihren ureigenen Zielen. Doch die biblische Zeit ist längst vorbei, und die Zeit der betriebswirtschaftlichen Unternehmensführung ist an-, nein, ausgebrochen.
Anscheinend trägt nun nicht einmal mehr jahrzehntelanges Ehrenamt dazu ein Scherflein bei, dass man Selbstverständlichkeiten ungehindert in Anspruch nehmen darf. Wer Sozialhilfe empfängt, ist zwar gut genug, um unentgeltlich Gemeindedienste zu verrichten, aber sobald es für die Kirche an das Geben geht, hört die Christlichkeit auf.
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| Beerdigungen gelten dem Verstorbenen, aber besonders auch den Trauernden. © kli |
Natürlich muss jede Institution auf ihre Finanzen achten. Aber die Institution Kirche darf um ihrer selbst willen nicht darauf achten, wer wie viel Geld gibt und dementsprechend ihre Dienste anbieten oder verweigern. Man muss gar nicht erst in die Bibel schauen, um sich daran zu erinnern, für wie beispielhaft Jesus die arme Witwe erachtete, die ihre zwei Scherflein, einen Pfennig, in die Kollekte legte, und wie sehr er sich immer wieder für die Armen aussprach.
Es darf in der Kirche keine Rolle spielen, ob jemand viel oder wenig geben kann. Stattdessen muss das viele Geld, das wohlhabendere Mitglieder beitragen können, dafür verwendet werden, dass auch die Bedürftigen einen würdigen Gebrauch von den Leistungen und Gütern der Kirche machen können.
Aber auch schon grundsätzlich zeigt sich kein Sinn darin, die Kapellenbenutzung für verstorbene Sozialhilfeempfänger mit Gebühren zu belegen, denn Beerdigungen dienen neben dem Andenken der verstorbenen Person hauptsächlich der anwesenden Trauergemeinde. Darum ist es geradezu absurd, sie alle - zumeist sicherlich lebenslange Kirchensteuerzahler und oft auch Spendengeber - buchstäblich im Regen stehen zu lassen. Eine wirklichkeitsferne Regelung!
Das ist nur einer von vielen Fällen, in denen sich einem die Frage aufdrängt, wozu man eigentlich so eine Kirche braucht.
Die dritte große Mitgliederbefragung der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1992 erhob, dass "nur" 16 % der Kirchenaustritte mit Ärger über einen Pastor oder andere kirchliche Mitarbeiter begründet wurden. Eine Mehrheit von 58 % begründete ihren Austritt mit der Einsparung der Kirchensteuer, gefolgt von der Begründung (52 %), man könne auch Christ sein, ohne einer Kirche anzugehören.
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| Weinende Engel aus Stein hören nicht, Kirchenobere sollten es aber! © kli |
Kirchenmitgliedschaft und -austritt unterliegen der eigenen Entscheidung. Das war nicht immer so, aber in unserer modernen Kultur wird der einzelne Mensch als eigener Herr seiner Biographie angesehen. Die entscheidende Frage ist, welche Vor- und Nachteile die Kirche mir - und vielleicht auch Anderen - bringt.
Jan Hermelink, Professor für Praktische Theologie in Göttingen, meint, dass die Beziehung zur Kirche von mehreren Faktoren bestimmt ist: Erstens ist man Kirchenmitglied, weil dies zur eigenen Gottesbeziehung mit hinzu gehört; zweitens übt die Kirche mit Verkündigung, Seelsorge, Unterricht und Diakonie wichtige gesellschaftliche Funktionen aus, was man durch die eigene Mitgliedschaft mitträgt; und drittens ist die Kirche als Gemeinschaft der einzelnen Christen nötig - sowohl weil gleichgesinnte Menschen immer Gemeinschaften bilden, als auch weil die Christen schon biblisch zur Gemeinschaft aufgerufen sind. Mitglied in der Kirche ist man demnach aus persönlich-religiösen und aus sozialen Gründen.
Die Ansicht ist verbreitet, dass man auch Christ sein könne, ohne einer Kirche anzugehören. Dem scheint die "Ordnung des kirchlichen Lebens" (1999) der Evangelischen Kirche der Union Recht zu geben. Dort heißt es: "Der Kirchenaustritt kann die Verheißung des Evangeliums nicht aufheben." Kirchenrechtlich tut man sich mit dieser Aussage etwas schwer; der Umgang der Kirchengemeinden mit Ausgetretenen wird darum eher in den Lebensordnungen statt im Kirchenrecht erörtert.
Viele Menschen, die aufgrund schlechter Erfahrungen aus der Kirche ausgetreten sind, engagieren sich in Kirchengemeinden, die ihren Vorstellungen mehr entsprechen. Trotzdem verliert man beim Austritt viele Rechte. So heißt es weiter in der genannten Lebensordnung: "Wer aus der Kirche austritt, verliert die Zulassung zum Abendmahl sowie alle kirchlichen Rechte, die die Zulassung zum Abendmahl zur Voraussetzung haben. Das gilt insbesondere für das Patenamt und das kirchliche Wahlrecht."
Traditionell gilt das Abendmahl als das Zentrum des christlichen Glaubens und damit auch allen kirchlichen Lebens. Theologisch kann man es als "sichtbares Wort" verstehen. Und genau hieran entscheidet sich im Grunde alles: am "Wort". Es ist für den Glauben des Einzelnen entscheidend wichtig, christliche Verkündigung - im weitesten Sinne - zu vernehmen, denn sie ist der Ursprung und die "Nahrung" des Glaubens. Das führt zu der waghalsig anmutenden Schlussfolgerung: Worte, die Glauben wecken, kann man auch außerhalb der verfassten Kirche hören; deswegen kann eine selbständige Christlichkeit auch außerhalb der institutionalisierten Kirche bestehen.
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| Das diakonische Handeln ist eine Lebensäußerung der Kirche. © kli |
Das soziale Engagement der Kirche ist für Viele von herausragender Bedeutung, wenn es um die Frage geht, warum man in der Kirche ist und Kirchensteuer zahlt. Tatsächlich ist die Diakonie eine beachtliche soziale Größe, in der 2003 über 800.000 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter tätig waren. Aber nur etwa 10 Prozent der Kirchensteuer fließen in die Diakonie; das Meiste, nämlich über 60 Prozent, wird für Gemeindearbeit und Personalkosten verwendet, die meistens keine direkt sichtbaren sozialen Auswirkungen haben. Die soziale Bedeutung der Kirche kann man also von zwei Seiten, mal bestätigend, mal skeptisch betrachten.
Letztlich hört es sich ganz unspektakulär an: Wer nicht mehr glaubt, den muss nichts in der Kirche halten, aber wem noch etwas am Glauben und an ihr liegt, der setzt sich für sie ein. Denn die Kirche selbst kann man nicht im Namen des eigenen Glaubens kritisieren, wie der Tübinger Systematische Theologe Eilert Herms meint, sondern nur Probleme ihrer konkreten Gestalt, die die Kirchenleitung im Rückgriff auf die Glaubensüberlieferung lösen muss.
Das heißt übersetzt: Als Christ kann man nicht sagen, ich brauche keine Kirche! Als Christ kann man nur sagen, da liegt etwas im Argen, das geändert werden muss. Die Kirchengemeinde oder die Kirchenleitung wirft dann einen selbstkritischen Blick in die Bibel, um zu sehen, ob die Kritik berechtigt ist, und versucht, das Problem zu lösen. Das kann sie aber nur, wenn Rückmeldungen von ihren Mitgliedern kommen, die deutlich auf Missstände hinweisen. Bevor man austritt, sollte man sich wenigstens bei den höchsten Stellen noch einmal so richtig ausgesprochen haben - wer weiß, am Ende bewirkt man vielleicht sogar etwas!



