„Ein Radio schießt aus nächster Nähe“
von Silke Strupat
Floridor Peréz im Literarischen Zentrum trotz Lyrik ein ausverkauftes Haus
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| Floridor Peréz und seine Übersetzerin Friederike von Criegern de Guinazu. © Literarisches Zentrum Göttingen e.V., 3.11.2006 |
Ein Dorfschullehrer, der Gedichte schreibt. Ein Chilene, der nach dem Pinochet-Putsch von 1973 acht Jahre in Haft und Verbannung verbracht hat. Ein Vater von fünf Kindern, dessen Ehefrau Natacha einem ganzen Gedichtband den Namen gab, dem Dichter somit nicht nur als Muse, sondern auch als Textfigur diente und dient. Es ist Freitag, der 3. November 2006. Floridor Peréz, Pädagoge, Chilene, Vater und Autor ist zum ersten Mal in Deutschland. Er liest im Literarischen Zentrum, weil die Göttinger Doktorandin Friederike von Criegern de Guiñazú eine Auswahl seines lyrischen Werkes zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt hat.
Die schmächtige Gestalt des Neunundsechzigjährigen, die zwischen zwei blonden Frauen von höchstens dreißig Jahren sitzt, seiner Übersetzerin und der Moderatorin Leonie Meyer-Krentler, wirkt auf den ersten Blick wie ein Gelehrter alter Schule. Seine ersten Sätze vermitteln dazu das passende Frauenbild: Zu Hause in Chile gäbe es eine Frau, die ihm Tag für Tag sage, was er tun solle. Er danke, dass er hier zwei wundervolle junge Frauen habe, die sich um ihn kümmern. Den gebildeten Mann des Wortes glaubt man ihm sofort. Doch dann lernt man ihn und seine Gedichte kennen und entdeckt, wie sehr hier auch ein Mann des täglich gelebten Lebens, ein Mann des chilenischen „Volkes“ Gedichte schreibt. „Wenn man mir im Namen des Volkes spricht, möchte ich nach dem Urheberrecht fragen“, warnt er jedoch selbst am Ende der Lesung. Er, nicht allein Lyriker, sondern ebenso Pädagoge, fordert alle zudem auf, nicht dem Dichter zu glauben, sondern den Gedichten.
Doch was ist es, was man seinen Gedichten glauben soll und kann? Warum haben sie zum einen manch renommierten lateinamerikanischen Literaturpreis aufzuweisen und sind zum anderen auch bei literarisch weniger anspruchsvollen Lesern beliebt? Zuerst stellt die Literaturwissenschaftlerin Leonie Meyer-Krentler den Dichter allen in seiner besonderen Beziehung zu einfachen Dingen und zu den beiden antagonistischen großen Figuren der chilenischen Dichtung, Pablo Neruda und Nicanor Parra, vor. Dann lesen Floridor Peréz und Friederike von Criegern de Guiñazú abwechselnd aus der gerade erst im Satzwerk Verlag erschienenen zweisprachigen Übersetzung. Nun können alle selbst feststellen, was sie den Gedichten glauben.
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| Floridor Peréz liest im Literarischen Zentrum. © Literarisches Zentrum Göttingen e.V., 3.11.2006 |
Was folgt sind schlichte Sätze. Sätze, die singen, ihre Laute in den Raum malen, Szenen und Bilder anreißen, nachdenklich machen und auch schon einmal augenzwinkernd lachen, sobald Floridor Peréz sie auf Spanisch zum Klingen bringt. Er spricht sie ins Publikum hinein, ist überhaupt vor allem am Gegenüber interessiert, wendet den Kopf abwechselnd der einen und anderen Zuhörerseite zu. Die Schönheit der Gedichte sei ein Grund gewesen, dass sie über das lyrische Werk von Floridor Peréz promoviere, so Friederike von Criegern de Guiñazú. Ihre Übersetzung rettet die lautmalerische und einfache Sprache, die sehr komplexe Situationen erfasst, ins derart spröde Deutsch herüber. Die Göttinger Akademikerin beherrscht die Kunst des Übersetzens. Die Kunst, ihre eigenen Übertragungen beim Vortrag zum Klingen und zum Erzählen zu bringen, jedoch weniger perfekt. Doch dafür spürt jeder, wie sehr sie beteiligt ist, und die meisten der Zuhörer sprechen nicht nur deutsch, sondern auch spanisch. Nicht immer ist Perfektion alles.
Es sind der Humor und die Bilder, in denen eine ganz konkrete Erfahrung anwesend ist, die den Zugang zu den Gedichten erleichtern. Wie im sogenannten richtigen Leben werden Freude und Schmerz zugleich erlebt, gerade die Erfahrung von Gefangenschaft gibt der Liebeserfahrung ihren Raum: Frei habe ich nicht darum gebeten/Allende hat es mir nicht gegeben/Die Militärjunta wird es mir nicht nehmen“, heißt es im „Brief von Natacha, 2“. Aber nicht allein die Kraft der Liebe, auch all die erlebten Traumen der Gefangenschaft kommen zu Wort. Im Gedicht „Die unvollendete Partie“ wird der Schachpartner mitten im Spiel abgeführt und erschossen und im Gedicht „23.September 73“ schießt das Radio aus nächster Nähe dem Gefangenen den Tod von Pablo Neruda ins Ohr. „Der Wachmann sucht etwas zum Tanzen/sein Maschengewehr folgt dem Takt. (…) Um eine Schweigeminute möchte ich bitten, doch brauche ich Stunden um Stunden die Stimme zu finden.“
Es ist das „P.S. für Aschenputtel“, das Floridor Pérez im Literarischen Zentrum den Gedichten zu Gewalt und Diktatur folgen lässt: „Vom globalisierten Schmerz kehren wir in die Heimat zurück, ins Zuhause der Kindheit, in der unsere Großmütter uns ein Märchen erzählten, damit wir einschlafen. Erst später merkten wir, dass es uns nicht einschliefen ließ, sondern weckte.“ Und im Gedicht selber heißt es dann: „Sie heirateten/und lebten glücklich/bekamen viele Kinder/und weil sie nicht/gestorben sind/ließen sie sich scheiden/wegen/eines kaputten Schühchens/und dann/heiratete sie einen anderen.“
Link-Tipp
Ein Dorf in Chile in den 1960er Jahren, ein Irgendwo, ein Nirgendwo, auf keiner Karte zu finden. Ein Brief an den Dichter Floridor Peréz brauchte damals ein halbes Jahr um anzukommen. In Göttingen erzählt Perez, wie er, der Dorfschullehrer, einst über die Felder ging und seinen Kopf in einem Buch stecken hatte. Es handelte sich um eine spanische Übersetzung der Aphorismen von Lichtenberg. Diesem Lichtenberg sitzend auf einer Bank in Göttingen zu begegnen, prägte nun seinen ersten Eindruck von Göttingen. Davon, um wie viel beliebter das Gänseliesel als Göttingen-Motiv ist als Lichtenberg, ist nicht die Rede. Davon, was die Bauern von der Lektüre ihres Lehrers, der mittlerweile in Santiago lebt, schreibt und lehrt, damals hielten, erfährt das Publikum dieses Mal nichts weiter. Vielleicht ein anderes Mal? Das wäre schön.
Als aggressiv ländlich gelte Floridor Peréz in Chile, meint die Moderatorin Leonie Meyer-Krentler. Dass die Lesung ausverkauft sei, sei ungewöhnlich, erklärt sie dem Chilenen. In Deutschland sei Lyrik marginalisiert. Vom Publikum selbst kommt am Ende jedoch nur eine einzige Frage. Doch führt diese dazu, dass Pérez noch einmal ins Erzählen gerät: Er habe beides erlebt, die kollektive Hoffnung und die Enttäuschung. Die Welt habe er nicht verändert, aber habe auch ihn die Welt nicht verändert.“ Erst nach der Veranstaltung und einem lang anhaltenden, begeisterten Applaus bilden sich Gesprächsgruppen um die drei Akteure der Lesung. Viele der Anwesenden scheinen die Übersetzerin zu kennen oder spanisch zu sprechen oder in Göttingen zu studieren. Vielleicht der Grund für das ausverkaufte Haus. Dabei ist das, wovon Gedichte wie die von Floridor Peréz erzählen vor allem für Leser geschrieben, die es Wort für Wort erleben, und das sind keineswegs immer nur die, die studieren und bereits viel über Lyrik wissen. Wahrscheinlich ist es gut, es mit Floridor Peréz selbst zu halten, der am Ende der Lesung meint, „Die einzige Möglichkeit, dass die Utopie sterben kann, ist, dass sie wahr wird.“

